Interaktive Slideshow zu Berlin : Als der Bahnhof Friedrichstraße noch Grenze war

Ein absurder Ort, mittendrin und doch lange Zeit am Stadtrand: Friedrichstraße. Zwei Erinnerungen an eine kuriose Zeit und eine interaktive Slideshow.

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Heute steigen hier täglich Hunderttausende aus, ein und um, es geht nach Norden und Süden, und vor allem auch nach Osten und Westen. Aber es ist gar nicht so lange her, da ging es hier nach Osten und vor allem nach Westen sehr kompliziert. Die deutsch-deutsche Grenze verlief mitten durch den Bahnhof Friedrichstraße. Wir erinnern uns - von beiden Seiten. Bei den Bildern können Sie einfach den Regler in der Mitte hin- und herschieben, um Vorher und Nachher zu vergleichen. Und wenn Sie noch mehr Slides vom Bahnhof sehen wollen, auch mit Erklärungen: Hier entlang.

Aus dem Osten: Außen harmlos, innen gruselig

Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 war der mitten in der Stadt gelegene S- und U-Bahnhof Friedrichstraße der wohl verrückteste Bahnhof der Welt. Ein Unikum, Kuriosum und Ärgernis. Von außen harmlos, im Innern ziemlich gruselig und grotesk. Was zuvor ein normaler Bahnhof mit Untergrund-, S- und Fernbahn war – wer erinnert sich nicht an die schwarzen Dampfrösser, wie sie qualmend über der Friedrichstraße standen? –, war plötzlich von der Mitte der Großstadt zum Endbahnhof am äußeren Rand des sozialistischen Lagers geworden.

Der „letzte Bahnhof im demokratischen Sektor“ nannte sich fortan Grenzübergangsstelle (Güst), verriegelt und verrammelt, von Scharfschützen bewacht, die, Knarre im Anschlag, 24 Stunden lang im Gerippe der gläsernen Bahnhofshalle hingen und darauf achteten, dass kein Staatsschäfchen eigene Wege ging oder in die verkehrte Bahn stieg. Von jenen Rentnern einmal abgesehen, die, kofferschleppend, nach einem strapaziösen Slalomlauf durch die verwinkelten Katakomben des Bahnhofs in den Westen reisen durften. Dabei spielte ein 10 Zentimeter breiter weißer Strich eine wichtige Rolle: Per Lautsprecher bedeutete eine scharfe Stimme, dass dieser Strich erst „nach Ansage“ betreten werden durfte. Das war etwa fünf Minuten vor der Abfahrt, manchmal half das Rote Kreuz, den verängstigten, gebrechlichen oder resoluten Rentnern, ihre Koffer in den Waggon zu wuchten.

Mit dieser Art der Personenbeförderung, bei der zuvor alle notwendigen Papiere begutachtet oder abgelichtet worden waren, hatten einreisende West-Berliner wenig zu tun. Sie konnten aus der U-Bahn steigen, im Intershop billig einkaufen und weiterfahren – oder, streng begutachtet, zu ihren Lieben (Ost) eilen, die in den Cafés der Friedrichstraße sehnsüchtig gewartet hatten. Wer aus dem Westen kam, war zumeist etwas beladener als auf der Rückfahrt – das Kapitel deutsch-deutscher Hilfe und Solidarität, der gegenseitige Warenaustausch und die Freuden, die damit verbunden waren, muss noch geschrieben werden: Die Mauern des Bahnhofs Friedrichstraße könnten viel erzählen, die Schlangen am Taxistand gehören ebenso zu dieser nahen Vergangenheit wie der „Tränenpalast“, an dem man heute alles im harmlosen Museumsmodus noch einmal erleben kann.

Auffällig war die Kleidung mancher Westmenschen, die aus dem Ausgang strömten. Der Duft der großen weiten Welt begleitete dabei viele, Parfüm, Kaffee und Zigaretten waren wohl die beliebtesten Mitbringsel. Manche reisten vorschriftsmäßig fünf Minuten vor null Uhr aus der DDR aus, um sofort wiederzukommen. Irgendwo im Osten war das Bett noch warm. Lothar Heinke

Aus dem Westen: Der Bahnhof mit dem Intershop

All diese Sachen muss man heute ja nachschlagen, so seltsam war das. Wie ein komischer Traum. Erst die Fahrt über die verdunkelten Geisterbahnhöfe, wo sich nur ab und zu ein DDR-Grenzer blicken ließ, während der U-Bahn-Zug langsam vorbeirumpelte. Dann: Licht! Der Bahnhof Friedrichstraße.

Wir Westler durften dort umsteigen in die S-Bahn, das war schon kafkaesk genug. Denn der ganze Bahnhof war ja – heute kaum noch vorstellbar – derart mit Sichtblenden und anderen realsozialistischen Errungenschaften vollgestellt, dass selbstständige Orientierung kaum möglich war. Die Verschachtelung diente der sogenannten Grenzsicherung, der imperialistisch konditionierte Passant sollte schlicht nicht durchblicken. Man marschierte halt den Schildern hinterher, treppauf, treppab zur anderen Bahnlinie oder, wenn es gerade auf dem Programm stand, um das Labyrinth zu durchqueren zwecks Einreise in die Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates. Fotografieren war selbstverständlich verboten, deshalb existieren heute auch nur wenige Bilder aus der Scheusal-Zeit dieses Verkehrsknotenpunkts.

Für viele West-Berliner ohne familiäre Bindung und touristische Interessen war der Bahnhof Friedrichstraße aber einfach der mit dem Intershop. Dort auf dem U-Bahnsteig gab es Zigaretten, Schnaps, Parfüm, Süßigkeiten und allerhand anderes aus den Produktionsstätten des Klassenfeindes, der dadurch massiv geschädigt wurde, dass ihm die Mehrwertsteuer auf all das entging. Man muss sich das so vorstellen, dass die hier verkauften Zigaretten in West-Berlin auf den berühmten und satt subventionierten „verlängerten Werkbänken“ endmontiert, dann nach Ost-Berlin geschafft und anschließend zum großen Teil über die Intershops im kleinen Grenzverkehr wieder in den Westen zurückgebracht wurden. Ein ulkiges System, das natürlich nicht allzu geschmeidig laufen durfte. Deshalb patrouillierten Zollbeamte auf den grenznahen West-Bahnhöfen und versuchten, den florierenden Handel ein wenig einzudämmen.

Wir West-Berliner also hatten überhaupt nur dann einen umfassenden Eindruck von diesem seltsamen Bahnhof, wenn wir ihn von der Straße betrachten konnten, was eine offizielle, vorher beantragte und mit Zwangsumtausch bedachte Einreise voraussetzte. Das ungeliebte Ostgeld floss, soweit ich mich erinnere, in Amiga-Schallplatten oder Weltliteratur. Wer ideologisch krasser drauf war, der kaufte auch die Werke von Marx und Engels zusammen. Für Zigaretten und Schnaps im Intershop waren natürlich D-Mark notwendig. Auf der Ausreise verflog dann langsam wieder dieser typische Geruch nach Desinfektionsmitteln … Bernd Matthies

Sie wollen noch mehr interaktive vorher-nachher-Bilder vom Bahnhof Friedrichstraße sehen? Wir haben noch ein paar gesammelt und erklären sie auch - unter diesem Link. Weitere Artikel und Bilder über Berlins Geschichte finden Sie unter www.tagesspiegel.de/zeitsprung.

Der Bahnhof Friedrichstraße
Blick auf Bahnhof Friedrichstraße und Schlütersteg, 1903. Die Geschichte der Station begann 21 Jahre früher.Weitere Bilder anzeigen
1 von 31Foto: Unbekannt/Gemeinfrei
12.05.2017 08:09Blick auf Bahnhof Friedrichstraße und Schlütersteg, 1903. Die Geschichte der Station begann 21 Jahre früher.

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