Internationale Funkausstellung : Alles etwas kleiner, aber dafür in 3-D

Bilder, schärfer als die Wirklichkeit, und alles ist vernetzt. Nur dank der Krise behält man die Übersicht auf der Ifa

Bernd Matthies
Ifa
Fernsehlächeln. Flimmern und Rauschen war gestern. -Foto: ddp

Im Gewühl beim ZDF kommt es zur schicksalhaften Begegnung zwischen Klaus Wowereit und Wolf-Dieter Poschmann, dem Moderator, der Marzahn vor den Ohren der Welt in den Schmutz gezogen hat. „Trauen Sie sich denn überhaupt noch nach Berlin?“, fragt Wowereit, und Poschmann antwortet mit einer Gegenfrage, ungefähr „Und welcher Bezirk ist Ihnen am liebsten?“, dann verschwinden beide wieder im Gewühl der Fotografen – die Sache ist damit offenbar erledigt.

Wo Wowereit ist, da ist immer was los auf der Ifa 2009, und so fallen bei seinem Rundgang die vielen Lücken überhaupt nicht auf, die bei dieser 49. Folge der Ausstellung so groß klaffen wie noch nie. Ein paar Hallen existieren scheinbar überhaupt nicht, andere sind durch raffiniert gezogene Wände so verkleinert, dass gerade routinierte Besucher verdutzt im Kreis herumlaufen, und wo alles nichts hilft, sind die Löcher provisorisch gestopft, beispielsweise durch eine sehr luftig hingezimmerte Designpreis-Ausstellung oder Restaurants an Stellen, wo früher nie Restaurants waren.

Es scheint, als sei der Ifa zwischen den megalomanen Auftritten der Großen – Sony, Panasonic, Samsung, LG, Siemens – und den namenlosen kleinen Ausstellern irgendwie die Substanz abhandengekommen, das, wofür es sich hinzugehen lohnt als Amateurgast. Dort, wo es dennoch interessant sein könnte, wenden die Firmen den Besuchern ohne Profistatus oft den Rücken zu. Das gab es noch nie: Harman-Kardon hat sich den ganzen Funkturm einverleibt und lässt niemanden rein, hat sogar den kompletten Eingangsbereich blickdicht verhängen und vernageln lassen, als würden drinnen irgendwelche elektronischen Orgien ausschließlich für Fachhändler gefeiert.

Also bleiben dem gemeinen Gast die gefühlten drei Millionen Flachbildschirme, die noch nie flacher waren, es bleibt eine grenzenlose Vernetzung von allem mit jedem. Konsequent im Sinne der Ausstellung handelt jener, der zwei TV-Sendungen aufzeichnet, eine dritte sieht, gleichzeitig mit dem Fernsehgerät im Internet surft, um mehr über die Hauptdarsteller zu erfahren, und das per Drahtlosnetz gleichzeitig auf dem Balkon und im Badezimmer.

Auch fotografieren könnte man sich dabei, das ist ein großes Thema. Die Firma Samsung bringt den Zeitgeist auf den Punkt mit einer Digicam, deren Display nach vorn weist – damit ist es also möglich, sich selbst abzulichten und gleich zu sehen, ob das Foto auch was wird, eine aus dem Leben gegriffene Erfindung, die die Billionenflut von Ich-Fotos sicher weiter anschwellen lassen wird.

Die billige Ausrede, offenbar sei die Ifa nur was für junge Leute, die sich mit diesem digitalen Zeugs auskennen, hilft indessen nicht. Denn für junge Leute gibt es eigens eine „Young Ifa“, deren Zweckbestimmung indessen nicht ganz klar wird. Den größten Teil der Halle bestimmt Analogkäse wie die doppelte Halfpipe, auf der die üblichen bommelhosigen Jungmänner virtuose Überschläge mit dem BMX-Rad zeigen. Vermutlich handelt es sich dabei um die sogenannte Wirklichkeit, die historische Vorstufe des 3-D-Fernsehens, das auf dieser Ifa die Rolle des Hauptthemas spielt, noch mit Brillen wie in den siebziger Jahren, aber an deren Abschaffung wird, wie man hört, schon intensiv gearbeitet.

Das Programm an sich, also die Software, kommt angesichts dieses Gerätefetischismus recht kurz. Ein paar leibhaftige Moderatoren wie Poschmann springen herum, aber wo sind die Köche? Alexander Herrmann tingelt bei Siemens, ein No-Name bei Gorenje, und dann ist da noch Stefan Marquard, der mit einem Barbecue im Sommergarten droht – das ist so ziemlich alles. Euphorie klingt anders, ist wohl in der Krise auch schwer zu inszenieren. Aber die 50. Ifa 2010 macht garantiert alles wieder gut.

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