Internetcafés in Berlin : T@nte-Emma-LAN

Vor 20 Jahren eröffneten in Deutschland die ersten Internetcafés. Heute, im Zeitalter des Smartphones, braucht sie niemand mehr. Wirklich? Niemand? Eine Bestandsaufnahme in acht Neuköllner Szenen.

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Internet und Spätkauf. Diese Kombination ist in Berlin heute deutlich gängiger als das klassische Internetcafé. Hier steht Fatih Ücel vor dem Laden, den er seit wenigen Wochen gemeinsam mit seinem Bruder Selcuk in der Neuköllner Karl-Marx-Straße betreibt.
Internet und Spätkauf. Diese Kombination ist in Berlin heute deutlich gängiger als das klassische Internetcafé. Hier steht Fatih...Foto: David Heerde

(LAN = Local Area Network = Lokales Computernetzwerk. Im Gegensatz zum Wireless LAN sind die Rechner hier mit Kabeln verbunden.)

9 UHR
PROLOG: DER LADEN

Neukölln schläft noch. Nur vereinzelt sind Leute unterwegs. Bringen Flaschen weg. Kaufen neue. Vielleicht liegt es an den Sommerferien. Oder am Sommer selbst: heiß und feucht. Im Altbau lässt es sich eher aushalten als auf der Karl-MarxStraße zwischen Neukölln-Arcaden und Hermannplatz. Dabei hat Fatih Ücel, 25, seit rund zwei Wochen Besitzer von „Internet und Spätkauf“, extra eine mobile Klimaanlage aufgebaut. Doch der Schlauch ist zu kurz, nur die Kunden direkt vor der Theke bekommen etwas kühle Luft. Ücel sitzt hinter der Theke, erträgt die Hitze und schaut über den PC seine Lieblingsserie: Günesi Beklerken. Es geht um Macht, Verrat und Kriminalität. Im Hinterraum stehen neun Desktop-PCs mit Internetzugang auf zehn Quadratmetern. Vorne Spätkauf, hinten Internetbude – das ist heute in Berlin eine gängige Kombination.

Ende der Neunziger eröffneten in jeder deutschen Kleinstadt Cafés, in denen das Surfen im Mittelpunkt stand. Als das erste Internetcafé dieser Art gilt „Falken’s Maze“, das 1994 in Fürth eröffnet wurde. Fünf Jahre später starrte ein schlanker Boris Becker in der Werbung auf einen Röhrenbildschirm und fragte: „Bin ich da schon drin, oder was?“ Ein Internetanschluss war teuer, Flatrates gab es noch nicht, die Verbindungen wurden im Minutentakt abgerechnet. Das konnten oder wollten sich zuerst vor allem Besserverdiener leisten. Damals kam Internetcafés eine gesellschaftliche Funktion zu: Bürger konnten für kleines Geld an Informationen teilhaben. Die ersten Cafés waren Attraktionen. 1998 eröffnete die Firma Cybermind das damals größte Europas in Charlottenburg. Die Zeitschrift „Computerwoche“ schrieb dazu: „Surfer können entweder aus einer Etage, die dem Salon der Titanic nachempfunden wurde, oder einer Etage, die nach Motiven des Fritz-Lang-Films ,Metropolis‘ gestaltet ist, in die Weiten des Cyberspace aufbrechen.“ Heute sitzt man im Hinterzimmer eines Neuköllner Spätkaufs mit kahlen Wänden und zu wenig Platz.

Viele der damals eröffneten Läden sind längst wieder dicht

Laut einer Studie von ARD und ZDF von 2013 sind inzwischen 77,2 Prozent der Erwachsenen ab 14 Jahren in Deutschland online. Die Verbreitung mobiler Endgeräte mit Internet ist in den letzten Jahren rasant angestiegen. Gut 40 Prozent sind in Deutschland auch unterwegs online.

Viele der damals eröffneten Läden haben längst wieder dichtgemacht. Wie viele es waren, wo sie waren, das hat keiner festgehalten, weder die statistischen Ämter von Land und Bund noch der Hotel- und Gaststätten- oder der Einzelhandelsverband. Das liegt auch daran, dass die kommerziellen Internetorte mit ihren stationären Rechnern Hybride sind, nie wirklich Café, aber bis heute, im Hinterzimmer der Spätis, auch kein eigenes „Geschäft“. Über ihr Werden und Vergehen führt niemand Buch, und auch das Netz, das doch angeblich nichts vergisst, gibt über diesen Punkt seiner Geschichte nur spärlich Auskunft. Allein ein Internetcafé in Kassel war zuletzt häufig in den Schlagzeilen. Der Betreiber wurde im Frühjahr 2006 in seinem Laden im Stadtteil Nord-Holland ermordet. So wurde ein Internetcafé zu einem der Synonyme für den Terror des NSU.

Ansonsten ist es hierzulande ruhig geworden um die Cybercafés, wie sie zu Anfang hießen. Und doch gibt es sie noch. Wer aber nutzt hierzulande noch Internetcafés? In einer Zeit, in der so viele mit ihrem Smartphone 24 Stunden online sind?

Fatih Ücel weiß es auch nicht, hat auch deshalb der Recherche in seinem neuen Laden zugestimmt, weil das ja auch für ihn interessant ist. „Die meisten“, sagt er „kommen nur kurz rein, um etwas auszudrucken.“

Bin ich schon drin? Bei den Ücels im Laden gibt es zehn Online-Arbeitsplätze, eine Stunde kostet 60 Cent.
Bin ich schon drin? Bei den Ücels im Laden gibt es zehn Online-Arbeitsplätze, eine Stunde kostet 60 Cent.Foto: David Heerde

10 UHR
SZENE 1: DER JUNGE

Fatih muss bei seiner Serie auf Pause drücken, so leise redet der türkische Junge, der den Laden betritt. Youness, 14, will ins Internet. Wer ins Internet möchte, sagt vorne an der Theke Bescheid. Fatih Ücel schaltet dann von seinem PC aus einen der neun Rechner im Hinterraum frei. Von da an läuft die Uhr runter. Am Ende bezahlt man vorne. Ücel klickt zwei Mal: „Platz sieben, okay?“ Ja, sagt Youness, geht vorbei an den drei großen Kühlschränken, einem guten Dutzend Bierkästen, vorbei an einem kleinen Waschbecken bis in den hinteren Raum. An jedem Platz ein 15-Zoll-Monitor aus der Übergangszeit zwischen Röhren- und Flachbildschirm, eine Tastatur, Maus und Webcam. Youness sucht nach Videos, gibt „Allah“ ein und drückt auf Enter. Der Fastenmonat Ramadan geht bald zu Ende. Youness klickt auf das Video: „Vertraue auf Allah – eine wahre Geschichte“. Er setzt den Kopfhörer auf. Das blaue T-Shirt spannt über seinem Bauch, das rechte Bein zuckt in der schwarzen Jogginghose. Das Video beginnt mit einem einzelnen Bild, eine Person auf einem Hügel. Dazu wechselnde Texttafeln. Eine Glaubensgeschichte in acht Minuten Powerpoint. Youness liest jedes Wort mit, kaum hörbar, noch leiser als gerade an der Theke: „Das Einzige, was ich brauche“, flüstert er, „ist das Vertrauen zu ALLAH.“ Ein Geräusch, wie man es aus dem christlichen Gottesdienst kennt, wenn Konfirmanden mehr murmelnd denn sprechend das Vaterunser vor sich hertragen.

Youness hat gerade Sommerferien. Bei ihm zu Hause gibt es kein Internet, keinen Computer. Ein Handy besitzt er nicht, geschweige denn ein Smartphone. Die Zehn- und Zwanzig-Cent-Münzen hat er neben der Tastatur aufgestapelt. Zwei Stunden wird er davon surfen können, wenn er sich Wasser und Süßes verkneift.

Zu Hause dürfte er so etwas nicht spielen

Am Ende des Videos neue Vorschläge. Wenn Sie das letzte Video mochten, wie wäre es damit? Youness klickt auf „Mädchen in Libyen rezitiert Quran, während ihr Kugeln entfernt werden“. Das Video zeigt ebendas: Ein Mädchen rezitiert den Koran, während aus ihrem Körper Pistolenkugeln entfernt werden. Youness stöhnt auf, vergräbt sein Gesicht in den kleinen Händen, hat mit so viel Elend auch nicht gerechnet.

Neben ihm kommen und gehen die Ausdrucker. Ein Attest an Platz fünf. Zehn Flyer an Platz drei. Youness ist jetzt auf einer Seite für Browser-Games. Er meldet sich bei Counter-Strike an. Ein Egoshooter. Spiele wie dieses werden eigentlich von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) auf die Tauglichkeit für Jugendliche getestet. Nur handelt es sich bei diesem Spiel um eines, das man direkt im Browser spielen kann, also weder vollständig herunterladen noch auf einem Datenträger käuflich erwerben muss. So entzieht es sich der USK – und da hier keine Jugendschutzgesetzgebung greift, sind auch die Cafébetreiber nicht genötigt, ihre Kunden zu kontrollieren. Und so sitzt Youness jetzt vor dem Bildschirm und steuert mit den Pfeiltasten des Keyboards seine Figur, von der nicht mehr als eine Pistole zu sehen ist, durch eine Art Industrieanlage. Mit der linken Maustaste feuert er immer wieder die Waffe ab. Zu Hause dürfte er so etwas nicht spielen, selbst wenn es einen Computer gäbe. Hier, an Platz sieben, wird er nicht gestört, Fatih Ücel verkauft vorne im Laden Bier und Zigaretten. Immer wieder springt Youness von seinem Platz auf und geht ein paar Meter, immer dann, wenn er im Spiel gerade getötet wurde. Nach zwei Stunden muss er aufhören, das Taschengeld ist aufgebraucht.

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