Internetkriminalität in Berlin : Hilfe, jemand hat meine Identität geklaut!

40 Parlamentarier sind Opfer von Internetbetrug geworden. Unserem Autor ist dasselbe passiert. Jemand war in seinem Namen shoppen – für tausende Euro.

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Irgendwer hat die Daten gestohlen. Der Ärger beginnt.
Irgendwer hat die Daten gestohlen. Der Ärger beginnt.Foto: Imago

Mich gibt es zwei Mal. Mein anderes Ich steht auf iPhones, hat neulich gleich mal drei Stück in der teuersten Version im Internet bestellt. Mein iPhone ist bald vier Jahre alt und wird langsam tatterich. Mein Alter Ego hat enge Bande nach Ghana. Dagegen wohnen meine Freunde und Verwandte fast alle in Deutschland. Das andere Ich hat eine Adresse in einer belebten Charlottenburger Straße. Ich wohne an einer ruhigen Ecke in Prenzlauer Berg.

Ich soll nachts um 0.54 Uhr zwei Handys bestellt haben

Woher ich weiß, dass ich ein doppeltes Lottchen bin? Durch Zufall. Eines Tages drückte mir der Paketbote zwei Päckchen in die Hand: „Dit sind zwee Handys.“ Er hatte recht. „Wir freuen uns, dass Sie sich für ein Produkt von O2 entschieden haben“, las ich im Begleitschreiben zu den iPhones. Aber woher hatte O2 meine Daten? Kunde war ich dort nicht. Oder hat mich etwa jemand auf dem Kieker? Es sollen ja Leute schon mit Beate-Uhse-Paketen und Zeitungsabos überhäuft worden sein, die jemand aus Rache geordert hat.

Also rief ich bei O2 an. „Sie haben doch am 31.8. um 0.54 Uhr zwei Handyverträge samt iPhones abgeschlossen“, sagte der Mitarbeiter bestimmt. Dem Tonfall nach schien ihn das nicht zu überraschen – offenbar machen viele Menschen zu nachtschlafender Zeit Geschäfte mit Telefonfirmen im Wert von mehreren tausend Euro. Ich dagegen war verblüfft: Alle persönlichen Daten bis hin zur Kontoverbindung waren korrekt. Nur die E-Mail-Adresse gehörte mir nicht, obwohl sie meinen Namen enthielt.

Meine angebliche Telefonnummer: 12345678 ... fällt das keinem auf?

Und dann war da noch die Kontakttelefonnummer: 12345678 hatte der Unbekannte angegeben. Diese Fake-Nummer war O2 nicht aufgefallen.

Später meldete sich ein anderer Mitarbeiter von O2, dessen Abteilung zweifelhafte Fälle aufklärt. Ich hatte aus Angst, die Aktion könnte etwas mit meinem Job beim Tagesspiegel zu tun haben, zuvor die Pressestelle eingeschaltet. So ganz schien der Mann mir nicht zu glauben, denn ich musste ihm zunächst eine unterschriebene Erklärung zufaxen, dass ich keinesfalls zwei Handys und zwei Mobilfunkverträge bestellt hätte. Ja, und wenn ich nichts bestellt habe, dann hätte ich ja nichts zu befürchten, ließ er mich wissen. Die iPhones schickte ich zurück, um jeden Verdacht auszuräumen. Ich fühlte mich irgendwie schuldig, überlegte, wie jemand an meine Daten gelangen konnte. Ich löschte die Festplatte meines Computers, änderte alle Passwörter, dachte über ein neues Konto, einen neuen Ausweis nach. Das mulmige Gefühl blieb, irgendwo einen unbekannten Beobachter zu haben.

Ich löschte die Festplatte, bestellte einen neuen Ausweis

Die Haltung, dass ich als Opfer zunächst für den Täter gehalten werde, sollte mir dann noch einmal begegnen. Ein paar Wochen nach dem O2-Schock, konnte ich plötzlich mit meinem Telekom-Handy nicht mehr telefonieren. SMS und Internet funktionierten auch nicht. Manche freuen sich ja über digitale Diät, ich jedoch war verärgert. „Sie haben am 31.8. um 0.58 Uhr einen zweiten Handyvertrag abgeschlossen“, lautete die Auskunft bei der Telekom.

Ich soll für 2100 Euro nach Ghana telefoniert haben

Der Täter hatte also in derselben Nacht ein zweites Mal zugeschlagen. Und ein drittes Mal erfolglos bei 1&1, wie ich später herausfand. „Auf dem neuen Anschluss sind 2100 Euro an Gebühren aufgelaufen. Deshalb haben wir eine Sperrung veranlasst.“ Die Telefonate seien wohl nach Ghana gegangen.

Auch die Telekom fand es ganz offensichtlich normal, dass sich jemand – ein langjähriger Kunde zumal - hinsetzt, einen teuren Mobilfunkvertrag abschließt, eine zweite Anschrift nennt, dorthin das iPhone liefern lässt und kurz darauf eine Standleitung nach Afrika einrichtet. „Da sollten Sie aber schnellstens Anzeige erstatten und eine Mail an unseren Kundenservice schicken“, riet mir noch der Telekom-Mitarbeiter. Mit einem Scherz über offensichtlich viele Verwandte, die ich da wohl in Afrika habe, versuchte er die Lage zu retten. Lustig fand ich das nicht. Immerhin wusste ich nun, dass mich kein Stalker verfolgt, sondern „nur“ ein mieser Betrüger. Die Bestellung bei O2 ist wohl nur schiefgelaufen, denn die Telekom-Lieferung lotste er nicht zu mir nach Hause, sondern nach Charlottenburg. Nicht einmal eine Unterschrift oder eine Einzugsermächtigung war dazu nötig. Laut Schufa ist übrigens ein Viertel aller Internetnutzer bereits Opfer von Datenmissbrauch und Kriminalität im Netz geworden.

Der Paketdienst will die Pakete mir gegeben haben - ich wohne dort aber gar nicht

Nach der neuen Anzeige bei der Polizei und der Betrugsmeldung an die Telekom tat sich erst mal – nichts. Die Polizei hat sich bis heute nicht gerührt. Der Telefonkonzern mailte mir „Mit schönen Grüßen von der Nordseeküste“ zwar noch, dass ich die Angaben doch bitte präzisieren möchte, sonst könne er den Fall nicht zuordnen, aber ansonsten suchte niemand den Kontakt zu mir. Tagelang. „Jetzt weiß ich auch, wofür das T in T-Mobile steht“, dachte ich, „das kommt von toter Mann.“ Mein Ärger wuchs. dass ich mein Smartphone nicht benutzen konnte. So schickte ich am Tag 5 der Sperre eine scharf formulierte sofortige Kündigung hinterher. Wieder passierte nichts.

Zwischendurch inspizierte ich die Adresse in Charlottenburg: Ein typischer Berliner Altbau an einer vierspurigen Straße, links und rechts vom Eingang Gewerbe, Briefkästen im Flur. Mein Name war nicht zu entdecken. Trotzdem musste das Handy hier gelandet sein, laut Paketdienst persönlich übergeben – an mich!

Am achten Tag ohne Handy bat ich die Telekom-Pressestelle um ein Statement. 24 Stunden später meldete sich ein zerknirschter Firmensprecher: Er bat vielmals um Entschuldigung und teilte mit, dass ich nun wieder telefonieren könne. Ach ja, und wegen der Kündigung werde ich nochmal kontaktiert. Vielleicht überlegte ich‘s mir ja noch. Ich solle das aber nicht als Nerverei auffassen.

Und dann wird mir noch gedroht

Am nächsten Tag gab es viel Post: ein Formular für eine Schadenserklärung, in dem mir gedroht wurde, dass falsche Angaben rechtliche Konsequenzen hätten, und die Bestätigung, dass ich meinen Mobilfunkvertrag zum Ende nächsten Jahres gekündigt hätte. Mein Wunsch, sofort auszusteigen, wurde dabei einfach ignoriert.

Das Schrägste war aber das dritte Schreiben. „Auf Ihren Namen ist bei uns ein Mobilfunk-Anschluss aktiviert worden, den Sie nicht beauftragt haben“, las ich da. Ach, was?! „Wir können Sie beruhigen: Ihnen entstehen daraus keine Kosten!“ Ich dachte an die 500 Euro, die sich die Telekom schon von meinem Konto gekrallt hatte, die Tage, die ich nicht telefonieren konnte. Und weiter: „Wir werden in nächster Zeit prüfen, ob Indizien auf kriminelles Handeln vorliegen.“ Da scheint mir einer wirklich nicht zu glauben.

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