Interview : „Es werden weiterhin Roma kommen“

Neuköllns Bildungsstadträtin reiste nach Rumänien und lernte viel über die Lage der Minderheit.

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Vom nächsten Jahr an gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU. Alle Bürger der Gemeinschaft dürfen sich dann in jedem Mitgliedsland Arbeit suchen. Franziska Giffey, Neuköllns Bildungsstadträtin, war gerade einige Tage in Rumänien. Sie hat Roma-Interessensverbände und Politiker getroffen, um herauszufinden, was ihren Bezirk und ganz Berlin in nächster Zeit erwartet, und wie die Stadt mit den Migranten aus Bulgarien und Rumänien besser umgehen kann.

Welchen Eindruck haben Sie aus den Gesprächen in Rumänien mit nach Hause genommen?

Roma werden in Rumänien teilweise offen diskriminiert. Sie haben so gut wie keinen Zugang zum Arbeitsmarkt, können offiziell fast nur als Straßenfeger arbeiten. Wenn Roma-Kinder überhaupt die Schule besuchen, gehen sie häufig auf Schulen, wo 90 Prozent der Kinder Roma sind. Die meisten gehen nach der fünften Klasse ab, spätestens nach der siebten. Viele Eltern schicken ihre Kinder auch nicht in die Schule, sondern zum Alteisensammeln oder Blumenverkaufen. Auch für die übrige rumänische Bevölkerung ist das Leben schwer. Lehrer verdienen gerade mal 300 Euro im Monat. Deshalb wandern auch viele Hochqualifizierte ab. Das Wohlstandsgefälle zwischen Rumänien und Deutschland ist riesig: Ein Straßenfeger in Rumänien verdient 150 Euro im Monat, das Kindergeld beträgt 7,50 Euro im Monat.

Was bedeutet das ganz konkret?

Vertreter von staatlichen Stellen, die ich getroffen habe, sagen, dass im kommenden Jahr mit Inkrafttreten der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit keine größere Zuwanderung zu erwarten sei. Damit haben sie wahrscheinlich sogar recht. Aus den Mündern der Nicht-Regierungs-Organisationen klingt dieselbe Information allerdings ganz anders: Weil es in Rumänien in nächster Zeit keine eklatante Verbesserung geben wird, werden weiterhin viele Menschen auswandern. Vom Staat erwartet hier kaum jemand etwas. Die Hoffnung, dass Europa, auch wir in Deutschland, etwas tun können, ist riesig. Die Nicht-Regierungs-Organisationen finanzieren ihre Arbeit so gut wie ausschließlich mit Geldern aus Brüssel oder privaten ausländischen Quellen. Ich denke also, es werden weiterhin viele Menschen zu uns kommen. Und wer zu uns kommt, sucht nicht in erster Linie eine Arbeit, sondern er will vor allem der Armut entfliehen.

Sie waren in Fantanele, in dem Ort, aus dem besonders viele Roma nach Berlin gekommen sind. Was haben Sie erlebt?

Im Vergleich zu den Randbezirken in Bukarest, wo die Menschen in verwahrlosten Verhältnissen leben, ist Fantanele ein hübscher Ort: Er ist voller kleiner Häuser – in unterschiedlichen Zuständen – mit Gärten. Als wir durch den Ort gingen, haben die Kinder auf leerstehende Häuser gezeigt und „Germania, Germania“ gerufen. Der Bürgermeister empfing uns dann mit einer Schärpe, ganz offiziell, an der Seite von zwei Priestern. Ein Priester sagte zu mir: „Sie können weitere Menschen aus Fantanele erwarten.“ Und der Bürgermeister erklärte, „schauen Sie sich diese Kinder genau an. Sie werden sie bald wiedersehen.“ Gleichzeitig fragten mich die Lehrerinnen der Schule immer wieder: „Wie geht es unseren Kindern?“ Hundert Kinder fehlen in der Schule in Fantanele. Die sind bei uns in Neukölln. Für mich war der Besuch in Rumänien deshalb ein wichtiges Puzzleteil, um die Situation in Neukölln besser zu verstehen. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie es sein kann, dass ein Neunjähriger in seinem ganzen Leben gerade mal drei Wochen zur Schule gegangen ist. Wieso Kinder aus Rumänien Angst haben, wenn Sie bei einem Schulbesuch das erste Mal mit der U-Bahn fahren – sie sind das absolute Landleben gewohnt. Wie es sein kann, dass ein Kind keinen Impfpass hat.

Was haben Sie geantwortet, als die Menschen in Fantanele Sie gefragt haben, wie es ihren Kindern geht?

Ich habe gesagt, den Kindern gehe es gut. Ich denke wirklich, dass es den Kindern bei uns besser geht, also was die Bildung angeht. Ich glaube aber leider auch, dass die Wohnungen, in denen die Kinder bei uns leben, zum Teil schlechter sind. Ich weiß, dass viele Menschen fragen: „Locken wir Roma nicht zu uns, wenn wir uns verstärkt um sie kümmern?“ Für mich ist die Reise aber eine Bestätigung, dass wir unsere Linie verfolgen müssen. Denn egal, wie wir uns verhalten: Es werden weiterhin Roma aus Rumänien kommen. Damit sie bei uns nicht auch eine Randgruppe bilden und weiter auf Sozialhilfe angewiesen sind – und auch damit unsere Schulen weiter funktionieren können, müssen wir dafür sorgen, dass die Kinder so schnell wie möglich integriert werden – und auch ihre Eltern natürlich.

Haben Sie konkrete Tipps für Ihre Arbeit mit Roma mitgenommen?

Eine Initiative, mit der wir gesprochen haben, organisiert Kampagnen, um den Roma Selbstvertrauen zu geben. Das Motto: Du musst auch was tun, dann helfen wir dir. Auf Plakaten werden Roma gezeigt, die den Aufstieg geschafft haben, die zum Beispiel Arzt oder Lehrer geworden sind. Bei einer anderen Aktion wurden CDs verteilt, auf denen berühmte Roma-Musiker Lieder singen, in denen es heißt: Bildung ist wichtig. Kinder müssen in die Schule gehen. Das hat mir gefallen, denn es fordert Menschen dazu auf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Das Interview führte Veronica Frenzel

Franziska Giffey amtiert seit 2010 als Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport in Neukölln. Die promovierte Politikwissenschaftlerin und Diplom-Verwaltungswirtin gehört der SPD an.

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