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Interview : „Für Deutschland ist das F-Wort immer noch schwer“

26.12.2012 17:22 Uhrvon
Karrierediplomat. Seit mehr als 30 Jahren ist Peter Boehm im diplomatischen Dienst. Vor kurzem wurde der promovierte Historiker zum beamteten Staatssekretär seiner Regierung in Ottawa ernannt.Bild vergrößern
Karrierediplomat. Seit mehr als 30 Jahren ist Peter Boehm im diplomatischen Dienst. Vor kurzem wurde der promovierte Historiker zum beamteten Staatssekretär seiner Regierung in... - Foto: Thilo Rückeis

Im Abschiedsinterview erzählt der scheidende kanadische Botschafter Peter Boehm, was ihn an seinem Gastland überrascht hat und was er von der Integrationsdebatte und Deutschlands Rolle in der Europäischen Union denkt.

Herr Boehm, nach viereinhalb Jahren als kanadischer Botschafter gehen Sie jetzt zurück nach Ottawa. Was waren für Sie die größten Überraschungen, die Sie in Deutschland erlebt haben?

Boehm: Als Kanadier hatte ich mir Deutschland monolithischer vorgestellt. Dabei ist das Land vielfältiger als erwartet – es gibt die Regionen, die Bundesländer und die unterschiedlichsten Kulturen, die hier zusammenleben. Es gibt hier die gleichen regionalen Fragen und finanziellen Ausgleichsfragen wie im kanadischen Föderalismus. Und die Vielfalt von unterschiedlichen Kulturen ist gerade in den deutschen Großstädten größer als erwartet.

Wir sind ja ein klassisches Einwanderungsland und haben den Multikulturalismus, den wir anders verstehen als das in Deutschland der Fall ist. Aber dennoch ähneln wir uns in der Vielfalt mehr als erwartet.

Es fiel ja vielen in Deutschland lange schwer, die Realität als Einwanderungsland anzuerkennen. Kanada gilt vielen immer noch als Vorbild in Sachen Einwanderer-Auswahl, Integrationsförderung und Akzeptanz von Vielfalt. Was kann Deutschland Ihrer Meinung nach noch von Ihrem Land lernen?

Wir sind nicht unbedingt Vorbild oder Musterland, da die Bedingungen anders sind. Allerdings sind die Integrationsfragen dieselben. Und da ist Bildung ein zentrales Thema: Bei uns muss man nicht nach neun Jahren sagen, ob und welche weiterführende Schule die Kinder besuchen. Sondern sie sind bis zum zwölften Schuljahr mehr oder minder immer zusammen – das hilft der Integration sehr. Und es führt dazu, dass die Kinder der Neuankömmlinge manchmal sogar bessere Noten haben. Ein anderer Punkt, der mir persönlich sehr wichtig ist, ist die Willkommenskultur. In Kanada gibt es zum Beispiel sehr schöne und ergreifende Zeremonien für neue Staatsbürger, an denen ich auch ein paar Mal teilgenommen habe. Bei Deutschland ist das eher so ein Verwaltungsakt mit Stempel…

In Deutschland ist Einwanderung ja ein emotional sehr aufgeladenes Thema. Angela Merkel sagt, Multikulturalismus sei gescheitert, Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin haben sehr erfolgreiche Bücher über Integrationsdefizite geschrieben, die die Diskussion polarisiert haben. Wie erleben Sie die Debatte als Vertreter eines Landes, das den Multikulturalismus als Staatsaufgabe festgeschrieben hat?

Was mir nicht passt, ist diese Klassifizierung durch den Begriff „Migrationshintergrund“. Das finde ich diskriminierend. Wo ich herkomme, hat jeder einen Migrationshintergrund, daher hätte so ein Begriff bei uns keine Bedeutung. Bei uns redet man höchstens von „New Canadians“, wenn man Menschen meint, die kürzlich eingewandert sind. Dennoch: Ich kenne sowohl Herrn Sarrazin als auch Herrn Buschkowsky und ich finde, ihre Bücher sind wichtig für eine Debatte, die geführt werden muss und nicht unterdrückt werden darf. Man muss nicht mit ihren Thesen übereinstimmen, aber vor allem Herr Buschkowsky hat mit seinen Erfahrungen einen wichtigen Beitrag zur Diskussion geleistet. Bei uns gibt es teilweise eine ganz ähnliche Diskussion. Aber in Kanada wird man schneller Staatsbürger und fühlt sich schneller als Teil des Gemeinwesens. Gleichzeitig wird es bei uns gefördert, die Verbindung zu alten Heimat durch Kulturorganisationen oder auch durch Sprachkurse am Wochenende zu halten. So wie ich in meiner Jugend als Kind siebenbürgischer Eltern am Wochenende eine deutsche Sprachschule besucht habe.

Und das haben Sie nicht als Integrationshindernis erlebt?

Nein, im Gegenteil!

Welche anderen deutschen Besonderheiten sind Ihnen in den vergangenen Jahren noch aufgefallen, die Sie bemerkenswert finden?

Zum Beispiel der andere Umgang mit Geld: Die Bundesbank und die Bundesregierung haben sich in der Finanzkrise auf eine Weise verhalten, die mit der deutschen Geschichte und der Furcht vor der Inflation zu tun hat, was bis in die Weimarer Republik zurückgeht. Deutschland ist ein reiches Land mit großem Wachstum, mit niedrigen Arbeitslosenzahlen – und trotzdem wollen die Leute sparen und kein Geld ausgegeben. Eine Kreditkartenblase wie in meinem Land und manchen anderen Ländern kann ich mir für Deutschland nicht vorstellen. Auch ist mir aufgefallen, dass hier Regeln im Alltag manchmal ernster genommen werden als bei uns. Wenn man zum Beispiel an einer roten Ampel steht und auf der Straße ist kein Auto zu sehen, geht man bei uns einfach los. In Deutschland habe ich mir dafür ein paar Mal kritische Kommentare von Passanten eingefangen.

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