Interview : Gasag-Chef: „Da ist kein Platz für Entschädigung“

Gasag-Chef Andreas Prohl spricht im Tagesspiegel-Interview über 350.000 strittige Verträge, die Gaspreise im Winter und den geplanten Verkauf des Unternehmens.

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»Sechs Monate stabile Tarife« verspricht Vertriebsvorstand Andreas Prohl im Interview.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Prohl, zum Oktober senkt die Gasag die Preise zum vierten Mal in diesem Jahr. Wann geht es wieder hoch?



Wir werden unsere Preise über den Winter stabil halten. Wie es im Frühjahr weitergeht, hängt von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung ab. Wenn der Ölpreis weiter steigt, geht auch der Gaspreis dann wieder nach oben.

Der Gaspreis folgt dem Ölpreis mit einigen Monaten Verzögerung. Der Ölpreis hat sich seit Januar verdoppelt. Sind damit drastische Erhöhungen programmiert?

Zur Jahreswende erwarten wir einen Tiefpunkt bei den Gasbeschaffungspreisen. Die ändern sich für uns monatlich, aber deswegen ändern wir unsere Endkundenpreise nicht ständig. Das wäre völlig unzumutbar. Nach der Preissenkung im Oktober sollten wir mindestens sechs Monate stabile Tarife haben.

Wenn es nach Ihnen ginge: Sollte man die Ölpreisbindung beibehalten oder abschaffen?

Abschaffen, wenn es einen Marktpreis gibt. Wir könnten den Kunden dann viel einfacher deutlich machen, wie sich der Preis ableitet. Unsere Branche läuft wegen der Preisdiskussion immer wieder in eine Imagefalle. Dagegen hilft im Prinzip nur Transparenz.

Ist die Ölpreisbindung eigentlich in Stein gemeißelt?

Nein, aber die Frage ist doch: Kann man ohne die Preisbindung von Gas und Öl einen Markt organisieren? Wie entstehen mehr Anbieter, so dass sich der Gaspreis über den Wettbewerb bildet? Ich erinnere an die anhaltende Diskussion am Strommarkt. Da haben wir vier Anbieter, die 80 Prozent der Strommenge produzieren. Das ist beim Gas leider nicht viel anders. Grundsätzlich gilt: Solange es nur wenige Großhändler gibt, sind Kunden mit der Preisbindung eigentlich gut beraten.

Sie sind abhängig von Gaslieferanten aus den Niederlanden, Norwegen und vor allem aus Russland. Was ist, wenn die Russen im kommenden Winter wieder den Hahn abdrehen?

Ich bin überzeugt, dass wir einen so heftigen Konflikt wie im vergangenen Winter zwischen Russland und der Ukraine nicht wieder erleben. Die EU hat über Kreditfinanzierung sichergestellt, dass die Ukraine ihre Gasrechnungen an Russland bezahlen kann. Das halte ich für absolut richtig, wenn wir die Ukraine an die EU heranführen wollen.

Wie lange könnte Berlin ohne Gaslieferungen aus Russland auskommen?

Einen ganzen Winter lang. Das gilt für den ganzen norddeutschen Raum. Wir haben ungehinderten Zugang zu den Quellen aus der Nordsee. In Süddeutschland und noch mehr in den südosteuropäischen Ländern ist die Lage nicht so entspannt, weil es dort weniger die Pipelinekapazitäten gibt. Länder wie Bulgarien werden ausschließlich über die ukrainische Pipeline versorgt und haben keinen nennenswerten Speicher. Für die würde es dann eng werden. Für Berlin aber nicht.

Der Bundesgerichtshof hat eine Preisanpassungsklausel der Gasag für ungültig erklärt, die in rund 350 000 Kundenverträgen steht. Warum erhalten diese Menschen kein Geld zurück?

Weil das nicht in dem Urteil steht. Ganz einfach.

Das klingt formaljuristisch.

Formaljuristisch argumentieren die Kläger, nicht wir. Als wir 2005 die Preise um einen Cent je Kilowattstunde erhöht haben, konnte ich nachvollziehen, dass die Menschen sich gefragt haben, ob das angemessen ist. Es war auch legitim, dass die Verbraucherzentralen Musterklagen geführt haben. Aber wir haben in der Folge in Hunderten von Gerichtsverfahren die Angemessenheit unserer Preise bewiesen. Und wir haben für 2007 bis 2009 dem Kartellamt nachgewiesen, dass unsere Preise kartellrechtlich nicht zu beanstanden sind.

Jetzt hat aber ein Kunde gewonnen – und das vor dem höchsten Gericht.

Dass Kunden jetzt denken, sie können sich Geld zurückholen, weil eine unserer Klauseln aus formaljuristischen Gründen abgelehnt wurde, kann ich menschlich nachvollziehen. Aber das Urteil sagt nicht, dass wir zu viel Geld eingenommen haben! Der Kunde hat sein Produkt bekommen, und er hat dafür nachweislich einen fairen Preis gezahlt. Da ist kein Platz für Entschädigung. Wir machen faire Preise für unsere Kunden.

In Berlin versorgen Sie neun von zehn Gaskunden. Wie kann die Gasag da noch wachsen?

Außerhalb von Berlin zum Beispiel. Da konzentrieren wir uns auf das Segment der Geschäftskunden und kleineren Industriekunden in den westdeutschen Ballungsgebieten. Denen haben wir jetzt die erste Milliarde Kilowattstunden verkauft. In fünf Jahren wollen wir 25 Prozent unseres Absatzes außerhalb Berlins machen. Heute sind es rund 5 Prozent.

Und Wachstum innerhalb Berlins?

Wir verlängern unsere Wertschöpfungskette. Wir können jetzt Geräte liefern, mit denen man Wärme und zusätzlich Strom erzeugen kann. In diesen Tagen starten wir den Vertrieb von Mikro- KWK-Anlagen über unsere Tochtergesellschaft DSE. Diese Minikraftwerke ähneln den Anlagen, die VW und Lichtblick jetzt gemeinsam anbieten.

Fürchten Sie deren Konkurrenz?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind schon seit vier Jahren an dem Thema der dezentralen Energieerzeugung dran. Die Gasag war da ein einsamer Rufer im Walde. Wenn jetzt ein Weltkonzern wie VW mitmischt, bringt das die Sache voran. Das kann uns nur nützen.

Wie viele dieser Anlagen wollen sie unters Volk bringen?

Rund 500 im nächsten Jahr. Im Jahr 2015 wollen wir 8000 Anlagen absetzen.

Wo noch sehen Sie Wachstumschancen?

Bei der Produktion von Bio-Erdgas.

Was soll denn das sein?

Wir mischen dem Importgas heimisches Biogas in Erdgasqualität bei. Dabei verwenden wir zum Beispiel Gülle und Mais aus regionalen Landwirtschaftsbetrieben. Die Stoffe werden vergoren und fermentiert. Dabei entsteht ein Gemisch aus CO2 und bis zu 60 Prozent Methan. Das können wir trennen und das Methan so aufbereiten, dass es chemisch dem Erdgas entspricht. Das können wir dann in eine bestehende Erdgasleitung einspeisen oder an der Erdgastankstelle verkaufen.

Sie verwenden Pflanzen zur Energiegewinnung und pusten dabei CO2 in die Luft. Was daran ist denn nachhaltig oder bio?

Da in den landwirtschaftlichen Betrieben angepflanzt wird, ist die Bioerdgasproduktion CO2-neutral. Das ist ja ein Kreislauf. Natürlich wissen wir, dass Biotreibstoffe im Zuge der Debatte in Misskredit geraten sind. Tank oder Teller, diese Debatte nehmen wir ernst. Aber die Wissenschaft gibt uns Recht. Wir können in Deutschland bis 2030 zehn Prozent des Erdgases aus Pflanzen nachhaltig gewinnen, ohne der Nahrungsmittelproduktion Konkurrenz zu machen.

Wo produzieren Sie dieses Gas?

Gerade haben wir die erste Biogasanlage in Rathenow eingeweiht. Mit dem dort produzierten Gas könnte man theoretisch 2000 Haushalte versorgen. In den nächsten zwei Jahren kommen vier weitere Projekte im Umland dazu. Da investieren wir 40 Millionen Euro. Bis 2015 wollen wir rund um Berlin 15 solcher Anlagen errichten.

Was ist eigentlich aus dem Erdgas-Auto geworden?

Die Idee schien etwas eingeschlafen, aber da tut sich jetzt wieder viel. Auch weil VW zum Beispiel einen Erdgas-Passat aufgelegt hat. Bei uns kann man so ein Fahrzeug heute mit einem Bioerdgasanteil von 20 Prozent betanken. Damit würde der CO2-Ausstoß auf deutlich unter 100 Gramm CO2 pro Kilometer sinken.

Sie produzieren Bio-Erdgas und mit den Mikro-KWK-Anlagen sogar Strom. Was sagt ihr Anteilseigner Vattenfall, der Stromkonzern, eigentlich dazu?

Wir haben ja drei Anteilseigner: Vattenfall, die Thüga und Gaz de France/Suez. Keiner der drei hat irgendein Problem mit unserer strategischen Ausrichtung, weil allen klar ist, dass die Energiewirtschaft einen tiefgreifenden Wandel durchmacht. Wer den Wandel nicht mitmacht, wird ihn nicht überleben.

Vattenfall und Thüga wollen ihre Gasag-Anteile auf absehbare Zeit verkaufen. Wer kommt als Käufer infrage?

Das müssen Sie die Gesellschafter fragen. Aber natürlich machen auch wir uns Gedanken. Ich vermute, dass das Interesse sehr groß ist, weil wir den Wandel von einem traditionellen Gasversorger zum modernen Energiedienstleister schon gut auf den Weg gebracht haben. Eines ist klar: Die Kartellbehörden und auch der Berliner Senat werden mitreden.

Wann rechnen Sie mit Klarheit?

Vattenfall hat angekündigt, den Verkauf bis Ende des Jahres realisieren zu wollen. Ich halte das für ambitioniert.

Das Interview führten Moritz Döbler und Kevin P. Hoffmann.

Andreas Prohl (50), geboren im westfälischen Haltern, studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Darmstadt und arbeitete später als Chefeinkäufer bei der BEB Erdgas und Erdöl GmbH und Wintershall. Vor zehn Jahren kam er zur Gasag. Seit April 2002 leitet er das Unternehmen als Vorstand für Vertrieb und Technik – gleichberechtigt mit Olaf Czernomoriez (Finanzen).

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