Interview : Iglu-Chef: "Es liegt nicht nur an den Migranten"

Wilfried Bos, Leiter der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) im Interview über die Ergebnisse der neuesten Studie.

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Wilfried Bos ist Professor für Bildungsforschung an der TU Dortmund und leitet die Iglu-Studie in Deutschland.Foto: dpa

Herr Bos, Thüringens, Bayerns und Sachsens Schüler lesen im Schnitt weit besser als die in den Stadtstaaten wie Berlin. Ist dieses Ergebnis einfach nur ein Abbild der sozialen Struktur in diesen Ländern, etwa des Migrantenanteils?



Der Migrantenanteil erklärt einen Teil der Ergebnisse, aber nicht alles. Es wäre eine Ausrede zu sagen, es liegt nur an den Migranten. Es müssen auch noch andere Ursachen sein. Wir wissen aber nicht welche, dazu müssten diese Länder jetzt genauer untersucht werden. Denkbar ist, dass der hohe Migrantenanteil in den Stadtstaaten auch die deutschstämmigen Schüler beeinflusst, aber auch das ist nur eine Hypothese. Entscheidend ist, dass die Schulen in den Stadtstaaten nicht die richtigen Antworten für die Probleme ihrer Schüler haben – hier brauchen sie Hilfe. Wichtig ist aber, dass auch die Stadtstaaten im internationalen Vergleich gut sind. Ich glaube nicht, dass Marseille ähnlich gute Werte hätte, würde man es testen.

Die Spitzengruppe der Leser ist in den Stadtstaaten längst nicht so groß wie in Bayern und Thüringen: Wirkt sich vielleicht aus, dass hier mehr bildungsferne Schüler leben – die Lehrerinnen also weniger Zeit für die Förderung der sehr starken Schüler haben?

Nein, das liegt nicht daran. Wir haben die Schichtverteilung in den Ländern untersucht: Sie ist durchaus ähnlich. In Hamburg gibt es durchaus auch noch die Millionärskinder aus Blankenese, in deren Schulen dann zwei Ausländer sind, und die sind dann die Kinder von Diplomaten. Die Hamburger müssen also rausfinden, was sie noch besser machen müssen.

Könnten Lehrerinnen in einer sechsjährigen Grundschule dazu neigen, die Spitzenleser der vierten Klasse noch nicht so stark zu fördern, weil ja noch zwei Jahre Zeit bis zum Übergang aufs Gymnasium ist?

Sollten Lehrerinnen so denken, wäre das falsch, weil diese Kinder Spaß an Leistung haben.

Warum haben Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern in Berlin und Hamburg einen weit größeren Abstand zu bildungsferneren Schülern als das in Bayern der Fall ist?

Das lässt sich nicht beantworten, da müssten weitere Untersuchungen gemacht werden. Es ist so wie bei Ärzten, die vielleicht sagen können, dass das Blutbild zu viel Cholesterin zeigt. Ob der Grund ist, dass Sie zu viel Kuchen essen oder ob es am Bewegungsmangel liegt, ist dann die nächste Frage.

Die Stichprobe für Berlin hat offensichtlich zu einer nachteiligen Verzerrung des Ergebnisses geführt, weil der Anteil der getesteten Migranten weit höher war als es der Schulwirklichkeit entspricht. Warum ist die Stichprobe viel kleiner als Pisa?

Die Verzerrung war nur leicht. Die Stichprobe war kleiner als bei Pisa, weil die Länder nicht so viel Geld für Iglu ausgeben wollten.

Bei Ihrem internationalen Vergleich haben Sie im vergangenen Jahr dargelegt, dass in Deutschland der Übergang aufs Gymnasium nicht allein von den kognitiven Fähigkeiten, sondern sehr stark von der sozialen Herkunft abhängig ist. In der neuen Studie berichten Sie nichts über die Lage in den einzelnen Ländern. Wollten die Kultusminister das nicht?

Es war nicht der Auftrag der Kultusministerkonferenz, das bei der heutigen Pressekonferenz zu berichten.

Die Leseleistungen von Mädchen und Jungen liegen im internationalen Vergleich sehr dicht beieinander. Hingegen zeigt Timss, dass Deutschland zu den wenigen Ländern gehört, in denen Jungen den Mädchen in Mathematik weit voraus sind, in den Naturwissenschaften ist der Abstand noch größer. Was läuft hier falsch?

Offensichtlich gelingt es im Unterricht nicht, Sachverhalte an Mädcheninteressen zu koppeln. Vieles hängt hier aber auch von den Elternhäusern ab, und da wirken dann die Rollenklischees aus der Werbung und den Medien. In anderen Kulturen, etwa in Russland, sind Mathematik und Naturwissenschaften durchaus auch etwas für Mädchen.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

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