Interview Kinderschutzbund : „Nicht nur Schläge machen fertig“

Armut ist in Berlin der größte Risikofaktor von Gewalt in Familien. Dennoch kommt sie in allen sozialen Schichten vor. Sabine Walther vom Kinderschutzbund Berlin über das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.

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Allein gelassen. Auch unter mangelnder Zuneigung und seelischer Vernachlässigung leiden viele Kinder. Foto: Stock
Allein gelassen. Auch unter mangelnder Zuneigung und seelischer Vernachlässigung leiden viele Kinder.Foto: Stock

Der Kinderschutzbund Berlin wurde 1956 gegründet. Seither hat sich wahrscheinlich extrem viel geändert, oder?
Vieles ja. Manches aber auch nicht. Meine Kollegen bereiten gerade eine Ausstellung über unsere Geschichte vor. Da kann man in den Protokollen der ersten Vorstandssitzungen beispielsweise nachlesen, dass die Berliner Jugendämter völlig überfordert sind. Oder dass Armut der größte Risikofaktor für Gewalt in Familien ist – daran hat sich auch in 60 Jahren nichts geändert – leider!

Und was hat sich geändert?

Das Wichtigste, wofür der Kinderschutzbund Jahrzehnte lang gekämpft hat, ist natürlich der Paragraf 1631, Absatz 2, im Bürgerlichen Gesetzbuch, der im November 2000 in Kraft trat. Seither haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und können sich auch darauf berufen.

Geht es dabei ausschließlich um körperliche Gewalt?

Nein. Man kann Kinder schließlich auch ohne körperliche Gewalt fertigmachen. Der Kinderschutz-Paragraf besagt, dass körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig sind – das geht von verbaler Herabwürdigung bis hin zu einem unverhältnismäßig hohen Leistungsdruck. Seelische Verletzungen können auch durch die modernen Medien entstehen. Vielleicht hat sogar jede Generation ihre eigenen Gewaltformen. Mobbing in den sogenannten sozialen Netzwerken kannten die Kinder und Teenager vor 30 Jahren noch nicht. Und es gibt sogar eine Gewalt ohne Worte.

Sie meinen mangelnde Zuwendung?

Ja. Zur Gewalt zählt Vernachlässigung in jeder Form, auch in seelischer. Ein Kind, dass keine Liebe, keine Aufmerksamkeit, keine positive Kommunikation erfährt, verkümmert – auch, wenn es satt und sauber ist. Aber selbst das bleibt vielen Kindern verwehrt.

Auch in Berlin?

Oh ja, wir haben so viele vernachlässigte Kinder und aus vielerlei Gründen völlig überforderte Eltern. Deshalb ist ja auch der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz so wichtig.

Manche bezweifeln, dass Kindertagesstätten wirklich eine Alternative sind.

Ich kenne die Diskussionen. Ich weiß auch, dass Berlin gerade bei der Betreuung von Kleinkindern einen schlechteren Personalschlüssel hat als andere Bundesländer. Aber für Kinder mit überforderten Eltern ist die Kita wirklich ein Segen. Ja, sie kann sogar lebensrettend sein.

Beispiele?

. . . gibt es immer wieder in allen Bezirken. Viele Kinder sind ja schon gehandicapt, wenn sie in die Kita kommen. Und wir wissen aus Erfahrung und aus der modernen Hirnforschung, wie unglaublich wichtig die ersten Lebensjahre sind.

Ist das eher ein Problem der sogenannten bildungsfernen Schichten?

Was die Vernachlässigung angeht, schon. Zum Glück ist da in den vergangenen Jahren unter anderem mit den Familienzentren, der aufsuchenden Elternhilfe und auch der Hotline Kinderschutz viel Gutes auf den Weg gebracht worden. Aber auch „überbehütende Akademiker-Eltern“ können ein Kind schädigen.

Wie meinen Sie das?

Solche Eltern wollen es besonders gut machen und setzen sich selbst und ihr Kind damit ziemlich unter Druck. Da kann es auch schon eine Ohrfeige geben, weil es im Diktat keine Eins geworden ist. Oder Eltern sind überängstlich, sehen stets vor allem die Gefahren. Wenn so etwas den ganzen Tag lang und sieben Tage die Woche geschieht, wird auch das Kind entgegen seiner Natur früher oder später überängstlich. Die Kita, die Gemeinschaft in einer Gruppe und auch die professionellen Erzieherinnen und Erzieher können dann ein notwendiges, heilsames Korrektiv sein. Auch wenn sich Eltern nur noch auf das Kind konzentrieren.

Sie meinen das Vollzeit-Rundum-Persönlichkeitsentwicklungsprogramm?

Genau. Es artet eben irgendwann in Stress aus, wenn man den Sprössling vom kindgerechten Pilates oder Yoga zum Klavier- und Gitarrenunterricht schleppt. Und man muss auch nicht mit drei Jahren schon Chinesisch lernen.

Aber unbestritten bleibt, dass Armut und Gewalt miteinander korrelieren?

Klar, wenn man jeden Cent dreimal umdrehen muss, bleibt man eben nicht entspannt. Es ist erschreckend, dass jedes dritte Kind in Berlin als arm gilt. Und dass Gutverdiener bis zu 500 Euro im Monat für das Kind von der Steuer absetzen können. Während sich Hartz-IV-Empfänger oder -Aufstocker das Kindergeld anrechnen lassen müssen. Deshalb kämpfen wir gegen Kinderarmut und betreuen in unseren fünf Projekten in Wedding täglich bis zu 1500 Kinder meist aus benachteiligten Familien.

Und in Ihrer Beratungsstelle?

. . . sind wir für alle da, die sich Sorgen um Kinder machen: Eltern, Großeltern, Nachbarn, aber auch Lehrer und Erzieher. Da geht es meist auch um heftige Krisen, nicht um Konfliktsituationen, ohne die sich Kinder gar nicht wirklich entwickeln können. Je nach Alter und Naturell müssen sie vieles ausprobieren und auch mal über das Ziel hinausschießen, um Grenzen zu erfahren.

Und wenn Eltern dann doch einmal die Hand ausrutscht oder sie ihr Kind anschreien?

Das kann jedem mal passieren – schon aus Angst um sein Kind. Schlimm ist, wenn es immer wieder geschieht oder wenn man danach nicht gut damit umgeht. Also sich beispielsweise nicht entschuldigt und dem Kind erklärt, warum man in einer Ausnahmesituation war.

Empfinden Kinder eine solche Entschuldigung nicht als Schwäche?

Es schadet nicht, wenn sie merken, dass auch Erwachsene nicht fehlerfrei sind. Außerdem sind es die meisten Kinder heute gewöhnt, dass mit ihnen diskutiert wird. Natürlich nicht über alles. Es macht keinen Sinn, mit einem Zweijährigen darüber zu debattieren, ob er bei Minus 20 Grad eine Mütze tragen muss.

Die Unsicherheit in Erziehungsfragen und der Fokus auf Ratgeberliteratur hängt sicher auch mit veränderten Familienstrukturen zusammen, oder?

Ja ganz klar. Eltern, die aus eigener Erfahrung raten könnten, wohnen weit weg. Großeltern sind oft gar nicht mehr da, geschweige denn Urgroßeltern. So geht selbstverständliches Wissen, das früher von Generation zu Generation weitergegeben wurde, verloren. Ganz zu schweigen von den speziellen Problemen, die Scheidungen oder Patchworkfamilien mit sich bringen.

Was wünschen Sie sich generell von Eltern?

Dass sie Fehler eingestehen und korrigieren können. Und dass sie es vor allem schaffen, gelassen bleiben.

Was könnte die Politik tun?

Mehr Platz für Kinder, also viel mehr kinderfreundliche Räume schaffen. In Berlin und überall.

Das Gespräch führte Sandra Dassler. Mehr Informationen finden Sie unter www.kinderschutzbund-berlin.de.

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