• Interview mit dem Modedesigner Wolfgang Joop: „Ich habe Angst vor der Leere danach“

Interview mit dem Modedesigner Wolfgang Joop : „Ich habe Angst vor der Leere danach“

Modedesigner Wolfgang Joop über den Wandel seiner Heimatstadt und den Grund, warum er mit dem Wunderkind-Laden nicht nach Berlin wollte.

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Potsdam, meine Heimat. Wolfgang Joop (68) präsentiert seine Mode im „Wunderkind Archiv“ in den Remisengebäuden der Villa Bier, Friedrich-Ebert-Straße 37, in Potsdam.
Potsdam, meine Heimat. Wolfgang Joop (68) präsentiert seine Mode im „Wunderkind Archiv“ in den Remisengebäuden der Villa Bier,...Foto: Manfred Thomas

Sie sind vor zwei Jahrzehnten in Ihre Geburtsstadt zurückgekehrt. Wie erleben Sie Potsdam heute?
Manchmal so, als ob die Zeit einfach durchgefallen wäre. Es ist schon seltsam, wenn ich jungen Leuten erklären muss, wie es in Potsdam vor zwanzig Jahren aussah. Den Mangel, die Tristesse, Verfall und die Vernachlässigung, in der aber trotzdem der Charme von Potsdam geblieben war, für mich, der hier geboren ist. Seitdem hat sich Potsdam unglaublich entwickelt.

Man sieht Sie öfter, mal auf dem Markt, mal auf dem Fahrrad. Wie gehen die Leute mit Ihnen im Alltag um?
Nur ein Beispiel, als ich mich vor einem Jahr im Fitnessstudio befand, hab ich in der Umkleidekabine einen sehr aufmunternden Spruch gehört. Da sprach mich plötzlich ein nicht mehr ganz junger Potsdamer an: Biste Joop? Ich antwortete: Ja, bin ich. Er: Find ick jut. Das ist der Potsdamer, wie er leibt und lebt. Ich begegne hier Leuten aus verschiedenen Schichten. Potsdam ist ja keine homogene Gesellschaft wie am Starnberger See. Hier ist noch eine sehr kontroverse, widersprüchliche Gesellschaft. Und das drückt sich ja auch in meinen Kollektionen aus. Da mischen sich Bodenständigkeit und Romantik, mein gesamtes Erinnerungsspektrum.

Nach Sylt und München haben Sie am Samstag gegenüber dem Rathaus in der Remise der Villa Bier einen Laden Ihres Modelabels Wunderkind in Potsdam eröffnet. Ihr großer Traum?
Nicht unbedingt, wir hatten ja schon einmal einen Joop-Laden in Potsdam, mancher erinnert sich vielleicht noch

… damals ging es schief. Was ist diesmal anders?
Alles. Damals war es zu früh, auch Potsdam war noch nicht so weit. Außerdem führen wir den Laden heute anders als damals in Eigenregie, Wunderkind ist in Potsdam sowieso zu Hause, hier haben wir die kürzesten Wege. Und die Stadt hat einen faszinierenden Sprung gemacht. In Potsdam hat sich mittlerweile ein ganz anderes Publikum entwickelt, wirklich High-Class. Wenn ich mich selber als Kunden beschreiben würde, sähe das so aus: Als Ästhet ist mir Berlin zu eng, zu wuselig und was dort angeboten wird, ist zu wenig „pre-selected“ …

… also vorausgewählt …
…. damit ich mich nicht durch etliche Labels wühlen muss, um an das zu kommen, was ich möchte. Wir leben heute in einer überfluteten Produktwelt, da wird die Vorauswahl immer wichtiger. Hier setzt auch Wunderkind Archiv in Potsdam an. Es ist auch eine Galerie. Es hat wenig mit normalen Boutiquen zu tun, nichts mit Gemischtwarenläden. Das sieht man auch schon an der unglaublichen Location, die wir hier gefunden haben: Die Remise eines Persius-Hauses mitsamt Innenhof und vielleicht bald auch einem Bistro. Es ist eine in sich abgeschlossene Welt, keine Shopping-Mall mit tausend verschiedenen Produkten, von denen man gar nicht weiß, woher sie kommen, wie sie gemeint sind und welchen Nutzen sie haben.

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