Interview mit Kriminologe Stolt : "Zündeln wirkt wie ein Blitzableiter"

Der Kriminologe und Buchautor Stolt über Täter, Nachahmer und ihre möglichen Motive.

Foto: privat
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Herr Stolt, allein in der Nacht zu Sonntag brannte es in Neukölln vier Mal. Sieht das für Sie nach dem Werk eines Serientäters oder nach Nachahmern aus?

Von einem möglichen Serientäter sprechen wir erst nach drei gleichen Bränden – und nicht nach drei ähnlichen, die Brandorte müssen also genau untersucht werden. Ich halte es auch für gefährlich, direkt von einer Serientat zu sprechen. Dann fühlen sich Nachahmer nämlich in Sicherheit, nach dem Motto: „Die Polizei jagt bloß dieses eine Phantom!“

Was sind das für Menschen, die nachts in Treppenhäusern Kinderwagen anzünden?

Grob gibt es drei Typen. Erstens den Pyromanen, der ist aber extrem selten. Pyromanie wird von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt, sie tritt oft in Kombination mit anderen schweren psychischen Erkrankungen auf. Dann gibt es den infantilen Nachahmer, der sein Spiel mit der Polizei treibt und sich über die Aufregung freut. Und drittens den Serienbrandstifter. Der gilt zwar als juristisch schuldfähig, trägt aber psycho- und soziopathische Züge.

Inwiefern?

Er hat oft nicht gelernt, mit sich und der Welt richtig umzugehen. Er ist frustriert, enttäuscht oder rachsüchtig, muss sich irgendwie abreagieren. Da wirkt das Zündeln wie ein Blitzableiter, es verschafft Erleichterung. Dabei geht es ihm gar nicht um besonders große oder verheerende Brände, eine Mülltonne reicht schon.

Aber die Erleichterung hält nicht lange?

Am Anfang schon, dann immer weniger, deshalb verringern sich die Abstände zwischen den Taten. Manche Brandstifter sind am Ende geradezu dankbar über ihre Verhaftung, weil sie merken, dass sich der Effekt der Erleichterung abnutzt und dass sie professionelle Hilfe brauchen.

Die Medien berichten derzeit ausführlich über die Brandstiftungen in der Stadt. Ruft das Nachahmer auf den Plan?

Im Einzelfall mag das sein, doch deshalb darf man Brände nicht verschweigen. Im Gegenteil: Ich wünsche mir ausführliche Berichte, aber nicht nur über die Tätersuche, sondern über die extremen Gefahren bei Bränden, mögen sie scheinbar noch so klein sein. Den meisten Tätern ist nämlich gar nicht bewusst, was sie anrichten können.

Aber vor einer Woche kamen bei einem Brand drei Menschen ums Leben. Das muss doch jeden wachrütteln.

Nicht unbedingt. Der menschliche Verstand begreift einfach nicht, wie leicht eine Zündelei an einem Kinderwagen zur tödlichen Falle werden kann – ganz besonders in Altbauten aus dem frühen 20. Jahrhundert, wie man sie viel in Neukölln, aber auch Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain antrifft.

Was ist an denen besonders?

Zum Beispiel fehlen Rauch-Wärme-Abzugsanlagen. In zwei Minuten kann es so in den oberen Etagen im Treppenhaus 200 Grad heiß werden. Zudem sind die Rauchgase extrem giftig. Wer seine Tür öffnet, schwebt in Lebensgefahr. Man muss in solchen Häusern in der Wohnung bleiben, Türen zulassen, die Fenster zur Straße öffnen und rufen. Das wissen viele nicht. Sowohl die Täter als auch Bewohner brauchen also dringend Aufklärung!

Frank Dieter Stolt, 56, ist studierter Brandschützer und Kriminologe sowie Autor des Buches „Brandstiftungen: Sucht nach dem Tanz der Flammen“. Mit ihm sprach Sebastian Leber.

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