Interview mit Piratin Graf : "Wir müssen uns zusammenreißen"

10.10.2011 00:00 Uhrvon , Karin Christmann
Allein unter Männern: Susanne Graf, 19, ist stellvertretende Vorsitzende der Piratenfraktion. Foto: dapd
Allein unter Männern: Susanne Graf, 19, ist stellvertretende Vorsitzende der Piratenfraktion. - Foto: dapd

"Typisch weiblich", so etwas hört Susanne Graf auch bei den Piraten. Sie ist die einzige Frau unter den künftigen Abgeordneten - und will in den kommenden fünf Jahren mindestens die Hälfte des Programms umsetzen.

Frau Graf, Sie sitzen als einzige Frau für die Piraten im Parlament. Fühlen Sie sich auf diesen Status reduziert?

Ich bin ja glücklicherweise auch die jüngste Abgeordnete, dadurch ist das Thema mit der einzigen Frau nicht so sehr im Fokus. Aber die Frage kommt trotzdem recht häufig, und das ist schade.

Ist es denn purer Zufall, dass auf der Liste der Piratenpartei nur eine einzige Kandidatin stand?

Die Frauen haben sich selbst entschieden, jede hätte kandidieren können. Ich habe von sehr vielen Frauen gesagt bekommen, dass sie selbst nicht kandidieren wollten, weil es ihnen einfach zu viel geworden wäre – aber dass sie glücklich sind, dass ich es gemacht habe und zumindest eine Frau dort steht.

Sie alle haben mir Hilfe angeboten, wenn ich sie brauche, daher habe ich gar nicht das Gefühl, die einzige Frau zu sein.

Hätten Sie sich denn gewünscht, dass mehr Frauen antreten?
Natürlich würde ich mir mehr Frauen wünschen. Aber wir als Piraten sehen das Geschlecht gar nicht so stark im Vordergrund. Wir möchten das Geschlecht sogar aus der staatlichen Erfassung herausnehmen, um die Diskriminierung auszumerzen, die damit verbunden ist.

Eine Partei, in der Geschlecht keine Rolle mehr spielt – geht das in der Praxis?
Bedingt. Wir bemühen uns, früher war es deutlich schlimmer. Aber mitunter muss man sagen: In den Köpfen mancher Parteimitglieder ist es noch nicht ganz angekommen.

Woran merken Sie das?

Sie bringen Aussagen wie: „Das ist ja mal wieder typisch männlich“ oder „typisch weiblich“. Aber das gibt es einfach nicht. Jeder ist ein Individuum.

Trotzdem gibt es auch bei den Piraten ein Treffen nur für Frauen, den so genannten Kegelclub. Warum braucht es das?

Eine Frau macht einfach andere Erfahrungen als ein Mann. Insofern ist es schon wichtig, dieses Treffen zu haben, solange unsere Gesellschaft noch nicht so tickt wie wir. Gerade wenn wir neue Frauen bei den Piraten dazu bekommen, haben sie mitunter noch dieses Denken, das sie in anderen Parteien erlebt haben. Sie brauchen dann auch einmal einen Rückzugsort, wo sie sich trauen, einfach mal ihre Gedanken mit einzubringen, wo sie nicht gleich runtergebuttert werden, sondern erst einmal Aufmerksamkeit bekommen und ihnen zugehört wird.

Lesen Sie auf Seite 2, wen Susanne Graf zunächst für komplett verrückt hielt.

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