Interview mit Protestforscher : „Medien sind Teil des Rituals um den 1. Mai“

Der 1. Mai ist seit Jahrzehnten ein spannungsgeladener Tag - und gerade deshalb auch für Protestforscher von besonderem Interesse. Protestforscher Simon Teune wirft einen Blick auf die Entwicklung des Tages und meint: Auch Medien kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

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Auch die Teilnehmer versammeln sich in Kreuzberg. Foto: dpa
Auch die Teilnehmer versammeln sich in Kreuzberg.Foto: dpa

Herr Teune, wie haben sich die Mai-Demos in den letzten Jahren entwickelt?

Wenn man sich die letzten 20 Jahre anschaut, dann ist die signifikanteste Entwicklung, dass sich die rechtsradikale Szene den ersten Mai wieder versucht anzueignen und das sich daraufhin Gegendemos formieren – wie auch dieses Jahr.

Welche Interessen verfolgt hier die rechte Szene?

Wie mit anderen Demonstrationen, die ja das ganze Jahr über stattfinden, versucht die Szene am 1. Mai Aufmerksamkeit zu erregen und den öffentlichen Raum zu beanspruchen. Da die Nazis den ersten Mai zum gesetzlichen Feiertag gemacht haben, gibt es einen Anknüpfungspunkt an den historischen Nationalsozialismus.

Simon Teune arbeitet am vor kurzem entstandenen Institut für Protest- und Bewegungsforschung, das vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unterstützt wird. Foto: promo
Simon Teune arbeitet am vor kurzem entstandenen Institut für Protest- und Bewegungsforschung, das vom Wissenschaftszentrum Berlin...Foto: promo

Beschäftigen Sie sich auch mit der jeweils angewandten Polizeistrategie?
Nicht im Detail. Aber wir beobachten natürlich, dass es hier im Umgang mit Demonstrationen unterschiedliche Herangehensweisen gibt. 2001 gab es den Versuch, von der Deeskalationsstrategie abzurücken. Die Demonstration der Antifaschistischen Aktion wurde verboten, der Kiez mit Polizei überschwemmt. Gemessen an den Zahlen der Verletzten und der Haftbefehle ist dieser Versuch ohne Erfolg geblieben.

NPD- Demonstration in Schöneweide
Bei massivem Polizeiaufkommen und trotz rund 2000 Gegendemonstranten konnten rund 480 NPD-Teilnehmer durch Schöneweide ziehen. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
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01.05.2013 15:27Bei massivem Polizeiaufkommen und trotz rund 2000 Gegendemonstranten konnten rund 480 NPD-Teilnehmer durch Schöneweide ziehen.

Wie beurteilen Sie das Zusammenspiel von Polizei und Demonstranten?

Ausschreitungen kann man nur als Zusammenspiel von Demonstranten und Polizisten verstehen. Gewalt ist nicht etwas, was die eine Partei zur Demonstration mitnimmt und dann auslebt, sondern es ist ein Verhältnis, das sich innerhalb einer Demonstration entwickelt und das geprägt ist von einer gewissen Erwartungshaltung von beiden Seiten.

1. Mai in Berlin
Polizeipräsenz, die anscheinend wirkte: Ungewöhnlich schnell löste sich die Revolutionäre Mai-Demonstration Unter den Linden auf. Der Berliner Polizeipräsident Kandt lobte indirekt die linke Szene dafür, dass wieder die politischen Inhalte mehr im Vordergrund standen. Bis auf vereinzelte Festnahmen und Steinwürfe blieb es am Mittwochabend ruhig. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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01.05.2013 22:29Polizeipräsenz, die anscheinend wirkte: Ungewöhnlich schnell löste sich die Revolutionäre Mai-Demonstration Unter den Linden auf....

Befassen Sie sich mit den Menschen, die am 1. Mai Steine werfen?
Es ist schwer zu sagen, wer Steine wirft und warum. Es gibt Untersuchungen, die auf Erkenntnissen über Verhaftete beruhen. Aber gut organisierte Demonstranten, für die ein Steinwurf ein politischer Akt ist, lassen sich nicht so leicht verhaften. Seit den ersten Ausschreitungen in Kreuzberg 1987 gibt es zwei Gruppen: militante Linke und Leute, die ohne theoretische Unterfütterung ihre Wut über Frust im Alltag loswerden

Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Die Medienberichterstattung ist ein wichtiger Teil des Rituals um den 1. Mai. Wenn im Vorfeld heraufbeschworen wird, dass es knallt, dann macht das die Demonstrationen interessanter, sowohl für politische Aktivisten als auch für Unpolitische, die am ersten Mai eine Gelegenheit finden, um die Sau rauszulassen.

Das Gespräch führte Carmen Schucker.

Simon Teune arbeitet am vor kurzem entstandenen Institut für Protest- und Bewegungsforschung, das vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung unterstützt wird.

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