Interview mit Renate Künast : Der rot-grüne Senat feiert Jubiläum

Die Grünen-Politikerin Renate Künast erinnert daran, wie die Alternative Liste mit der SPD plötzlich Berlins Einheit wiederherstellen sollte und gibt Walter Momper Contra, weil der zu oft auf den Tisch haute.

Renate Künast, 58, war während der rot-grünen Koalition Fraktionschefin der Alternativen Liste. 2000 ging sie in die Bundespolitik, seit 2002 gehört Künast dem Bundestag an.
Renate Künast, 58, war während der rot-grünen Koalition Fraktionschefin der Alternativen Liste. 2000 ging sie in die...Foto: Imago

Frau Künast, vor 25 Jahren wurde der erste rot-grüne Senat gebildet. Die SPD hat das am Montagabend im Rathaus Schöneberg gefeiert. Aus gutem Grund?

Runde Jahrestage darf man feiern, aber es kommt darauf an, welchen Blick man auf die Vergangenheit wirft. Das Spannendste aus meiner Sicht war, dass die Alternative Liste (AL) zum ersten Mal mitregierte. Das war natürlich eine Herausforderung. Zumal im November 1989 die Mauer fiel, da übernahm Rot-Grün quasi über Nacht die Aufgabe, die Einheit Berlins wiederherzustellen. Das war harte Kärrnerarbeit.

Aber vielleicht auch schön?

Ich werde nie vergessen, wie sich die frei gewählte Stadtverordnetenversammlung in Ost-Berlin konstituierte und eine neue Ära begann. Aus dem West-Berliner Senat und dem Ost-Berliner Magistrat wurde der MagiSenat. Ein gemeinsamer Einheitsausschuss wurde gegründet. Wir fuhren mit Schmierzetteln hin und her, über die alte Grenze. Handys gab es kaum, nur ein paar überdimensionierte Geräte. Die Parlamentskollegen Ehrhart Körting (SPD), Klaus Finkelnburg (CDU) und ich, auch FKK-Gruppe genannt, bereiteten auf westlicher Seite die rechtliche Einheit Berlins vor. Selten haben zwei Parlamente und Regierungen so viel gearbeitet wie wir damals, mit viel Vertrauen zueinander.

Rot-Grün …

… hatte zeitweise die Sorge, dass es zum vorzeitigen Beitritt Ost-Berlins kommen könnte. Denn wie hätte das kleine, arme West-Berlin, um nur ein Beispiel zu nennen, den gesamten öffentlichen Dienst in D-Mark auszahlen sollen? Das trieb nicht nur uns, sondern auch die SPD um.

Ärgerte es die AL nicht, als eine Art Anhängsel der SPD zu gelten, während der Regierende Bürgermeister Walter Momper, der Mann mit dem roten Schal, weltberühmt wurde?

In solchen Situationen steht der Regierungschef natürlich im Brennpunkt der Öffentlichkeit. Uns darüber zu ärgern, hatten wir aber keine Zeit. Es gab eher Spannungen zwischen den Regierungsfraktionen auf der einen und Momper auf der anderen Seite, der überall präsent war und sich voreilig als Oberhaupt der gesamten Stadt präsentierte, während die Abgeordneten und Senatsmitglieder in mühsamer Kleinarbeit Nachbarschaftshilfe für Ost-Berlin leisteten. Mit den Abgeordneten der SPD haben wir uns gut verstanden. Es wurde immer dann schwierig, wenn Momper etwas durchsetzen wollte und beide Fraktionen aus seiner Sicht nicht schnell genug sprangen.

Walter Momper hat im Tagesspiegel erzählt, dass die Alternative Liste noch verrückter gewesen sei als die Grünen heute.

Ein typischer Momper-Spruch. Klar, wir waren neu im Regierungsgeschäft, aber ich bin stolz auf vieles, das wir damals durchgesetzt haben. Zum Beispiel den Erhalt von Teilen der Mauer als Mahnung, während der Regierende Bürgermeister auf den Tisch haute und sagte: Das will ich nicht, das muss alles weg.

25 Jahre ist es her, dass der erste rot-grüne Senat gebildet wurde.
25 Jahre ist es her, dass der erste rot-grüne Senat gebildet wurde.Foto: dpa / Fotoreport-DB

Das Ende der Koalition …

… war nicht schön. Es ist aber eine Mär, dass Rot-Grün auf Weisung des Vorstands der Bundes-Grünen platzte. Momper behauptet dies immer noch, ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Der damalige Grünen-Parteichef Hans-Christian Ströbele spielte dabei überhaupt keine Rolle. Ich war im Herbst 1990 AL-Fraktionschefin und habe nach Rücksprache mit anderen Parteifreunden unseren Abgeordneten empfohlen, die Koalition zu beenden. Das war intern strittig, aber ich finde es auch aus heutiger Sicht richtig.

Der Anfang vom Ende war die Räumung besetzter Häuser in der Mainzer Straße.

Es war schlimm. Straßenbahnen brannten und es lagen Gasleitungen frei. Die SPD wollte vor den Wahlen, wohl aus Angst vor einer erstarkten CDU zeigen, dass sie auch eine Law-and-Order-Partei ist. Innensenator Erich Pätzold ließ räumen, ohne uns zu informieren, mit dem Einverständnis Mompers, der gerade in Moskau war. Das widersprach völlig der rot-grünen Linie zu Hausbesetzungen. So kündigten wir das Bündnis auf. Schweren Herzens, das können Sie mir glauben.

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