Interview : „Muslime freuen sich auf den Ramadan wie Christen auf Weihnachten“

4,2 Millionen Muslime leben in Deutschland. Für sie hat die Fastenzeit begonnen. Was genau das bedeutet, wie in islamischen Ländern gefeiert wird und wer nicht fasten muss - darüber sprach der Tagesspiegel mit dem Islamexperten Abdul-Ahmad Rashid.

Lissy Kaufmann

Herr Rashid, einen Monat lang tagsüber nichts essen und trinken – das klingt nach einer ziemlich harten Zeit.

Für Muslime ist es ein großes Ereignis, sie freuen sich richtig auf den Ramadan, wie die Christen sich auf Weihnachten freuen. Es ist ein sehr spiritueller Monat, die Menschen gehen öfter in die Moschee, sie suchen die Gemeinschaft, treffen sich am Abend, essen gemeinsam und feiern. Eine Qual ist es nicht.

Wie wird ein Abend im Ramadan gefeiert?

In muslimischen Ländern ist es eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn die Sonne untergegangen ist, lassen die Menschen alles stehen und liegen, um wieder zu Trinken und zu Essen. In Kairo und in Damaskus habe ich das erlebt. Busfahrer fahren an den Seitenrand und gehen ins nächste Restaurant, der Verkehr ruht für zwanzig Minuten, die Stadt ist plötzlich still. Man soll mit dem Essen nicht warten, sondern gleich anfangen. Zuerst trinkt man ein Glas Wasser und isst dazu eine Dattel. Der Tisch ist meist voll mit Essen, man sitzt lange zusammen und redet. Im Fernsehen laufen sogar spezielle Serien im Ramadan.

Und was passiert, wenn jemand tagsüber das Fasten bricht?

Das kann in islamischen Ländern von der Aufforderung, das Essen und Trinken sein zu lassen, bis hin zur Geld- oder auch Gefängnisstrafe reichen. In Saudi-Arabien ist das der Fall, wenn man öffentlich erwischt wird. In Deutschland hängt es eher von der Familie ab, wie streng sie das sehen. Ich kenne auch Familien, in der die eine Hälfte fastet, die andere nicht.

Ist es nicht ungesund den ganzen Tag nichts zu trinken, wenn draußen Höchsttemperaturen herrschen?

Gefährlicher ist die Völlerei am Abend, wenn die Fastenden zu viel essen. Dann kann es schon mal zu Darmverschlüssen kommen. Kranke, Schwangere und ältere Menschen sollten auch auf das Fasten verzichten. Der Ramadan findet aber auch nicht immer im Sommer statt, wenn es besonders heiß ist.

Wieso nicht?

Weil sich der Ramadan nach dem Mondkalender richtet, und das Mondjahr kürzer als das Sonnenjahr ist. Der Ramadan wandert also in unserem Kalender und kann mal im Sommer, mal im Winter liegen.

Abdul-Ahmad Rashid, 45, hat Islamwissenschaften in Köln, Bonn, Kairo und Damaskus studiert. Er arbeitet als TV-Redakteur.

Das Interview führte Lissy Kaufmann.

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