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Interview : Thierse verteidigt Sitzblockade bei Neonazi-Demo

Im Interview mit dem Tagesspiegel verteidigt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse seine Teilnahme an einer Sitzblockade gegen die Neonazi-Demonstration in Berlin am 1. Mai. Mit seinen parteiinternen Kritikern geht er scharf ins Gericht.

Herr Thierse, haben Sie als Teilnehmer an einer Blockade gegen rechtsextreme Demonstranten Ihr Amt beschädigt?

Ich hoffe nicht, denn ich habe gegen Antidemokraten demonstriert, weil ich mich verpflichtet fühlte, ein Zeichen zu setzen.

Was darf der Staatsbürger Wolfgang Thierse, das der Bundestagvizepräsident nicht darf?

Ich habe als Bundestagsvizepräsident die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Bürger auch. Ich bin in staatsbürgerlicher Hinsicht weder überprivilegiert noch unterprivilegiert.

Wie erklären Sie sich, dass sie Kritik an Ihrer Aktion nicht entlang der Parteigrenzen verläuft? Auch Parteifreunde fanden Ihr Verhalten falsch.

Ich kritisiere nicht, dass ich kritisiert werde. Aber ich bin betroffen darüber, dass mir schäbige Motive unterstellt werden, wie es Anja Hertel und Tom Schreiber getan haben - ein Beispiel der berühmt-berüchtigten sozialdemokratischen Solidarität.

Welche Motive?

Öffentlichkeitssucht und würdeloses Verhalten. Aber würdelos wäre gewesen, andere zu Courage aufzufordern und sich selbst bei Gelegenheit in die Büsche zu schlagen.

Man könnte auch sagen: Die Demo der Rechtsextremen war ein Provokationsritual. Die Blockade war das ritualhafte Gegenstück. Nun gibt es Streit über Ihre Teilnahme daran. Streiten wir zu viel über Rituale?

Ich wundere mich darüber, dass die öffentliche Betroffenheit sich nicht darauf richtet, dass tausend Neonazis durch den Prenzlauer Berg und über den Ku'damm marschiert sind, sondern dass sie sich auf eine kleine, absolut gewaltfreie Aktion in freundlicher Atmosphäre richtet. Da scheinen mir die Gewichte verschoben.

Wäre es manchmal nicht sinnvoller, die Rechtsextremen einfach der Polizei zu überlassen?

Ich glaube, dass unüberhörbares Beschweigen von Neonazi-Aktivitäten als klammheimliche Zustimmung missverstanden werden könnte. Das dürfen wir nicht zulassen.

Das Interview führte Werner van Bebber.

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