Interview : „Viele Priester sind wütend und verzweifelt“

Suchtkrankheiten und Depressionen: Andrea Gensel therapiert Geistliche, die mit dem Zölibat nicht zurechtkommen. Doch die Kirche will von den Problemen nichts wissen.

Frau Gensel, mit welchen Problemen kommen Priester zu Ihnen?



Das größte Thema ist Einsamkeit. Und Einsamkeit kann Suchtkrankheiten und Depressionen auslösen. Selbst wenn ein katholischer Priester eine Freundin oder einen Freund hat und somit eigentlich nicht einsam ist, muss er die Beziehung verheimlichen, er kann sich mit niemandem austauschen. Das macht einsam.

Inwieweit haben diese Probleme mit dem Zölibat zu tun?

Als Gesprächstherapeutin sehe ich im Zölibat ein Mittel zur Triebunterdrückung. Und Triebunterdrückung ist ungesund. Aber es gibt natürlich Priester, die glücklich mit dem Zölibat leben. Der Zölibat hat auch nicht automatisch zur Folge, dass Übergriffe auf Kinder stattfinden. Das Risiko von sexuellem Missbrauch besteht überall dort, wo mitunter sexuell schwer gestörte Erwachsene auf Kinder treffen. Das gilt genauso für die evangelische Kirche, staatliche Kindergärten und Schulen oder Sportvereine. Aber zu mir kommen Priester, die nicht zölibatär leben können oder wollen oder die es stört, dass Kollegen den Zölibat brechen und es keine Konsequenzen gibt. Sehr viele katholische Priester sind homosexuell und haben eine Beziehung zu einem erwachsenen Mann oder einer Frau oder haben gar Kinder. Dass das einfach ignoriert wird, führt zu psychischen Problemen und treibt viele in die Alkoholsucht. Mehrere Priester haben mir erzählt, dass die eigene Suchtklinik der katholischen Kirche auf Jahre ausgebucht ist. Aber auch darüber wird aus Personalnot hinweggesehen, bis der Priester zum Altar torkelt.

Dann ist aber doch der Zölibat schuld, zumindest mittelbar.

Viele Priester empfinden die Art und Weise, wie mit dem Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit umgegangen wird, als „große Heuchelei“. Einige haben erzählt, dass es Kurse während der Ausbildung gibt, in welchen man versucht herauszufinden, welche Priesteramtskandidaten homosexuelle Neigungen haben. Es soll die Hälfte sein. Wiederum andere haben berichtet, dass es in ihrem Priesterseminar eine eigene Gruppe gibt, in der sich die Homosexuellen treffen. Dieser Kreis nennt sich „Rosa Synode“. Das weiß jeder. Aber es wird geleugnet. Und das macht viele Priester wütend, einsam und verzweifelt.

Fühlen sich die Männer von Ihrer Kirche alleingelassen?

Ja, das höre ich häufig. Einer erzählte, dass er seinen Bischof in drei Jahren zweimal gesehen hat und nicht einmal gefragt wurde, wie es ihm geht. Nächstenliebe ist auch in der Kirche nicht gerade verbreitet. Außerdem herrscht viel Missgunst und Neid. Da unterscheiden sich Priester nicht von Mitarbeitern in der Wirtschaft. Aber weil Neid als Sünde gilt, wird in der Kirche auch darüber nicht offen gesprochen.

Was müsste sich ändern?

Es muss Klarheit geschaffen werden. Entweder indem der Zölibat aufgehoben wird oder indem das Durchbrechen des Zölibats nicht geduldet wird. Dass aus Personalnot darüber hinweggesehen wird, führt zu dieser Grauzone, die Menschen kaputt macht.

Wie versuchen Sie, Priestern zu helfen?

Wir schauen erst einmal, wie stabil jemand ist und was er braucht, um wieder gesund und glücklicher zu werden. Er hat ja nur die Möglichkeit, sich mit dem Zölibat zu arrangieren oder sein Amt niederzulegen. Manchen helfen wir, eine andere Perspektive auf ihr Leben zu bekommen, damit sie die Situation nicht mehr so belastet. Wenn jemand den Wunsch äußert auszusteigen, unterstützen wir ihn dabei, indem wir zum Beispiel Tipps geben, wo er sich mit seiner Ausbildung beruflich außerhalb der Kirche eingliedern könnte. Aber dieser Schritt ist sehr schwer. Dazu muss jemand erst einmal wieder innerlich stabil sein.

Sie haben die 27 katholischen Bistümer angeschrieben und sie auf die Not der Priester hingewiesen. Wie haben sie reagiert?

Nur zwei haben überhaupt geantwortet und lediglich darauf hingewiesen, dass Priester beichten können und es in ihren Bistümern keine Probleme gibt. Daraufhin haben wir nochmals alle Bistümer angerufen. Ein einziger Erzbischof hat sich angehört, was wir zu sagen haben. Die anderen haben ausrichten lassen, dass kein Interesse an Details besteht.

Haben Sie den Eindruck, dass es ein Problembewusstsein bei den Bistümern gibt? Gar ein Umdenken?

Nein.

Das Interview führte Claudia Keller.

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