Interview : Warum sich ein kanadischer Professor eine Auszeit in Berlin nimmt

Was verschlägt einen Geschichtsprofessor aus Kanada zum Sabbatical nach Berlin? Alexander Freund, seit sieben Jahren in Winnipeg und noch bis Mai in der Hauptstadt, über sein Sabbatical, Deutschland aus der Außenperspektive und Fahrradwege mit Ampeln.

Ulrike Pape
Alexander Freund
Auf Sabbatical in Berlin: Prof. Alexander Freund von der Unversity of Winnipeg. -Foto: Ulrike Pape

Ein Sabbatical - wer wünscht sich das nicht. Warum sind Sie gerade nach Berlin gegangen?
In Kanada wird über Berlin sehr positiv berichtet, als die lebendigste und interessanteste Stadt Deutschlands und wohl auch Europas. Das wollte ich miterleben und das hat sich auch bestätigt. Ich könnte hier den ganzen Tag die Friedrichstraße runterlaufen, vor allem Mitte gefällt mir gut. Für mein Buch über die Vergangenheitsbewältigung deutscher Auswanderer ist es immer wieder anregend zu sehen, wie in Berlin mit der Erinnerung an die NS-Geschichte umgegangen wird, sei es nun durch das Holocaust-Mahnmal oder die Ausstellung "Topographie des Terrors".

Sehen Sie Unterschiede zu Kanada im Umgang mit Geschichte und Erinnerung?
Ja. Wenn’s nach manchen Politikern, aber auch Wissenschaftlern in Nordamerika geht, sollte die eigene Geschichte immer nur positiv dargestellt werden. Das ist in Deutschland nicht möglich. Durch die problematische Vergangenheit ist man gezwungen, Geschichte und damit auch Nationalität viel kritischer zu sehen. Das ist eine spannende intellektuelle Herausforderung, die diejenigen verpassen, die immer nach dem "Schlussstrich" rufen und denen es zum Halse raushängt, schon wieder etwas über Auschwitz hören zu müssen. Dabei ist es doch sehr sinnvoll, den Begriff der Nation immer wieder in Frage zu stellen und zu überlegen, wie Geschichte mit der eigenen Identität zu tun hat.

Und was machen Sie jetzt den ganzen Tag?
Ich habe eben in der U-Bahn eine Frau gesehen, die hat in ihren Terminplaner ganz groß "frei!" geschrieben. Und das hab ich jetzt jeden Tag. Also Freiheit, aber nicht Freizeit. Für mich heißt das vor allem, Abstand gewinnen und überdenken, was man in den letzten Jahren gemacht hat und wo man hinwill – und natürlich forschen und mein Buch schreiben. Dazu habe ich in der Hektik des Alltags keine Zeit.  

Ist es nicht ein Nachteil, ein ganzes Jahr abwesend zu sein?


Ich glaub ehrlich gesagt nicht, dass ich viel verpasse. Im Grunde ist es auch egal, wo ich bin. Meine wissenschaftlichen Kontakte sind auf der ganzen Welt verbreitet. Und mein Gehalt bekomme ich zu 80 Prozent weiterbezahlt.



Was fällt Ihnen hier in Deutschland noch auf?
Die Fahrradwege mit eigenen Ampeln – in Winnipeg unvorstellbar. Da ist die Innenstadt völlig verödet und als Fußgänger oder Fahrradfahrer muss man befürchten, überfahren zu werden. In Deutschland ist das öffentliche Nahverkehrsnetz so gut ausgebaut, dass man sich fragt, warum es hier überhaupt noch Autos gibt.  

Was meinen Sie, können die Deutschen wiederum von Kanada lernen?
Was mich in diesen Debatten über das deutsche Hochschulwesen immer ärgert, ist der stupide Blick von deutschen Politikern auf die amerikanischen Eliteuniversitäten, die sie sich zum Vorbild nehmen. Dabei ist das überhaupt nicht vergleichbar. Harvards Stiftungsvermögen ist fast so hoch wie das Jahresbudget aller deutschen Universitäten zusammen. Die große Mehrzahl der über 3.000 Unis und Colleges in den USA sind dagegen weit unterhalb des deutschen Standards. Die Deutschen sollten ihr Uni-System daher eher am kanadischen ausrichten: Es ist wie das deutsche hauptsächlich staatlich finanziert und hat eine überschaubare Anzahl von Unis, die alle in etwa gleich gut sind. Im Unterschied zu Deutschland sind kanadische Universitäten aber wesentlich transparenter und haben flachere Hierarchien. Das macht das Forschen leichter und natürlich auch effizienter. Davon abgesehen ist das Leben insgesamt sehr viel entspannter in Nordamerika. 

Jetzt sagen Sie bitte nicht, dass in Nordamerika das Glas halb voll ist und in Deutschland halb leer.
Das sind Klischees, ich weiß, aber sie bewahrheiten sich. Das positive Denken der Nordamerikaner wird in Deutschland oft als Oberflächlichkeit interpretiert, aber es erleichtert das soziale Miteinander unheimlich. Die Deutschen fragen immer erst mal nach den Problemen, nach den Hürden, die überwunden werden müssen, in den USA und Kanada fragt man dagegen nach den Lösungen. Das hat sich in Deutschland inzwischen aber schon etwas gebessert. 

Merken Sie das jetzt zum Beispiel auch bei der Wirtschaftskrise?
Die Amerikaner sind auf jeden Fall optimistischer. Obama, glauben sie, wird das schon lösen. Die Kanadier sind etwas skeptischer, aber lassen sich dann doch mitreißen von den Amerikanern. Es wurde vergangene Woche gerade eine Umfrage veröffentlicht, wonach die meisten Kanadier trotz der weltweiten Krisenstimmung zuversichtlich sind und auf ihre Regierung vertrauen. 

Fühlen Sie sich nach sieben Jahren in Kanada überhaupt noch deutsch?
Ich sehe mich eher als transnationaler Bürger, der in mehreren Kulturen gleichzeitig lebt und immer das Beste genießen kann.

Wo sind Sie zu Hause?
Sowohl in Deutschland als auch in Kanada. Ich bin da kein Romantiker und habe auch keine Heimatgefühle. Zuhause ist immer da, wo ich Freunde habe und wo ich mich willkommen fühle.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren?
Nein, in Deutschland sehe ich keine Perspektive für mich, also beruflich zumindest. In meinem Fachbereich gibt es kaum attraktive Stellen an den Unis. Mein nächstes Sabbatical verbringe ich aber bestimmt wieder in Berlin.

Das Interview führte Ulrike Pape.

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