• Interview zum Deutschen Anwaltstag: "Die Berliner Justiz ist zu schlecht ausgestattet"

Interview zum Deutschen Anwaltstag : "Die Berliner Justiz ist zu schlecht ausgestattet"

Zum ersten Mal seit Jahren findet der Deutsche Anwaltstag in Berlin statt. Uwe Freyschmidt ist Vorsitzender des Anwaltvereins und spricht über Entwicklungen und Berliner Besonderheiten.

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Anwälte und Richter im Berliner Kammergericht. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Anwälte und Richter im Berliner Kammergericht.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Am Donnerstag beginnt der Deutsche Anwaltstag. Er findet zum ersten Mal seit Jahren in Berlin statt. Tausende Anwälte treffen sich im Neuköllner Hotel Estrel, um Fachfragen zu diskutieren, die am Ende jeden Bürger betreffen: Unterhaltsrecht, Online-Shopping, Maklerrecht, Schwarzarbeit, Mietrecht... Der Berliner Anwaltsverein hat 4300 Mitglieder und ist der größte Ortsverband im Deutschen Anwaltverein.

Herr Freyschmidt, vor Jahren galt die Zahl 10000 als Angstgrenze. Mittlerweile hat Berlin mehr als 13 000 Anwälte. Wie geht es den Anwälten?

Es sind 13774, und ihre Situation ist ganz unterschiedlich. Manche müssen Nebenjobs annehmen, um sich finanziell über Wasser zu halten, während die top fünf Prozent, die in Großkanzleien arbeiten, sehr gut verdienen.

Verdienen die Großkanzleien denn mittlerweile hier auch Geld?

In Frankfurt oder München wird sicher sehr viel mehr verdient, aber Berlin ist als Standort trotzdem interessant – zum Beispiel wegen der Nähe zur Politik.

Uwe Freyschmidt, 54, ist Fachanwalt für Strafrecht und Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins. Foto: Promo
Uwe Freyschmidt, 54, ist Fachanwalt für Strafrecht und Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins.Foto: Promo

Wohin entwickelt sich der Berufsstand?

Es läuft alles in Richtung einer sehr hohen Spezialisierung. Es reicht zum Beispiel nicht mehr, auf Arbeitsrecht spezialisiert zu sein, sondern man ist dann etwa Spezialist für Kündigungsschutzklagen. Auch das IT-Recht ist so vielfältig, dass es jede Menge Unterspezialisierungen gibt. Die traditionellen Verbindungen, die es früher gab – dass man Mandate auf dem Tennisplatz oder beim Golf bekommt – gibt es deshalb so nicht mehr.

Dann müsste es ja auch spezifischere Fachanwaltstitel geben, oder? Denn sonst erkennt man als beratungsbedürftiger Bürger ja gar nicht, worauf jemand genau spezialisiert ist.

Ja, und es kommen auch neue hinzu. Gerade haben wir den Fachanwalt für Migrationsrecht gestartet – dieses Rechtsgebiet wird angesichts der vielen Flüchtlinge in den nächsten Jahren eine große Rolle spielen. Es gibt viele Bereiche, über die noch diskutiert wird. Fachanwalt für Opferrecht etwa, den gibt es noch nicht.

Auf welchen Gebieten gibt es in Berlin eine Unterversorgung?
Im Migrationsrecht ist der Kreis der Spezialisten noch sehr überschaubar. Auf diesem Gebiet wird es in nächster Zeit viele Mandate geben. Auch das IT-Recht wird immer wichtiger.

Welche Entwicklung ist problematisch?
Ich finde, es wird zu schnell das Strafrecht aktiviert. Wenn ein Unternehmer mal eine der zahllosen Normen übersehen oder falsch interpretiert hat, hat die Behörde sofort einen Anfangsverdacht, und dann hat er ein Ermittlungsverfahren, bei dem am Ende häufig herauskommt, dass sich der Vorwurf nicht bestätigt. Das trübt die Freude am Unternehmersein massiv. Es bleibt auch die Prangerwirkung eines solchen Verfahrens. Und man muss auch sagen: Die Berliner Justiz ist zu schlecht ausgestattet.

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