Irak-Flüchtlinge : Glückliches Ende einer Odyssee - vor fünf Jahren

Was Ferda Ataman vor fünf Jahren darüber schrieb. Seit 2009 nimmt Berlin Kontingentflüchlinge aus dem Irak auf. Die Hanas waren eine der ersten Familien. Vier Jahre auf der Flucht und viele schreckliche Erinnerungen lagen hinter ihnen.

Ferda Ataman
Neues Zuhause in Berlin. Die Hanas mussten aus dem Irak fliehen. Foto: Kleist-Heinrich
Neues Zuhause in Berlin. Die Hanas mussten aus dem Irak fliehen. Foto: Kleist-Heinrich

Berlin - Das schlechte Wetter stört Diyaa Hana nicht. „Berlin schön“, sagt er auf Deutsch. Viel mehr kann er noch nicht in der Landessprache. Der Iraker hat in der Nähe seiner Wohnung in Lichtenrade einen kleinen See entdeckt und geht dort jeden Tag mit dem jüngsten Sohn Yousef spazieren. Yousef hat in einer Woche seinen ersten Geburtstag. Wenn die Familie das Nesthäkchen befeiert, feiert sie auch ihre eigene Wiedergeburt: den Anfang von einem Leben in Sicherheit und das Ende einer Odyssee mit schrecklichen Erinnerungen.

Wie tausende andere Familien mussten die Hanas aus ihrer Heimat fliehen, weil die Unruhen nach der US-Invasion im Irak für sie lebensbedrohlich wurden. Die meisten Betroffenen waren Christen, und Deutschland erklärte sich bereit, 2500 Flüchtlinge aus dem Irak per „Kontingentlösung“ aufzunehmen. Das heißt, ihre Zahl ist begrenzt und nach einem festen Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Berlin hat seit 2009 dadurch 125 Iraker aufgenommen, die letzten kamen erst vor wenigen Wochen an. Familie Hana war eine der ersten, die auf der Liste des Uno-Flüchtlingshilfswerks mit besonders dringenden Fällen stand. Die Uno hat den 20. Juni zum Internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen, der heute unter dem Motto „Zuhause“ steht.

Ihr Zuhause in Bagdad haben die Hanas vor vier Jahren verlassen. Sie flohen mit dem Auto, im Kofferraum nur ein paar Kleidungsstücke. Der hastigen Flucht gingen traumatische Erlebnisse voraus. Vor allem das eine: Das Ehepaar hatte seine 14-jährige Tochter ins Krankenhaus gebracht. „Sie klagte über Kopfschmerzen“, sagt der 47-jährige Hana, „dann wurde sie drei Mal operiert und starb kurz darauf“. Ein Oberarzt habe ihnen heimlich erzählt, dass ihre Tochter nicht die erste – eigentlich gesunde – Christin gewesen sei, die im Krankenhaus starb. „Sie wurde wohl ermordet“, sagt Hana traurig, seine Frau weint. Als eines Nachts im Sommer 2006 eine Bombe in seinen Getränkeladen geworfen wurde, stand der Entschluss fest.

Wie die meisten fuhr die Familie nach Damaskus, lebte „mal hier, mal dort“. Alle mussten mitanpacken, um Geld zu verdienen. Sohn Mokls, damals 11 Jahre alt, hatte in den drei Jahren in Syrien 20 Jobs, sagt seine Mutter, „mal auf dem Bau, mal in der Pizzeria, mal als Gepäckträger“. Der inzwischen 15-Jährige und sein 14-jähriger Bruder Mark gehen in Neukölln zur Schule, wo sie Förderunterricht bekommen.

Die Bundesregierung sieht vor, dass die Iraker in Deutschland integriert werden. Deshalb haben sie eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis mit Option auf Verlängerung. Sie dürfen auch arbeiten, was Diyaa Hana gerne will. Doch dafür ist sein Wortschatz noch zu klein. Bald will er einen Deutschkurs besuchen. Damit sie sich im Alltag zurecht finden, helfen Leute wie Ahmad El Hakim von der Flüchtlingsberatungsstelle VIA. El Hakim war es, der Diyaa Hana überzeugte, dem Tagesspiegel von seinen Erlebnissen zu erzählen. Und während er das tut, wiederholt Hana, wie dankbar er ist. Die freundliche katholische Gemeinde, die zu Weihnachten Geschenke brachte, die von der Kirche bereitgestellte Wohnung, die gute Versorgung ... – „das überragt unsere Vorstellungen“.

„Je traumatisierter die Leute sind, desto wohler fühlen sie sich in Berlin“, sagt El Hakim. „Allerdings sind nicht alle Familien so gut angekommen.“ In Brandenburg seien einige in kleinen Ortschaften untergebracht. Sie fühlten sich dort sehr isoliert. „Für sie brauchen wir eine bessere Lösung“, sagt El Hakim. Aber er ist trotzdem zufrieden mit dem Ablauf des europaweiten Aufnahmeprogramms. „Deutschland war das einzige Land, das seine Versprechen sogar übertraf“, sagt er. Die Bundesrepublik habe insgesamt 2501 Iraker aufgenommen, „einen mehr als vorgegeben“. Ferda Ataman

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren".

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