Iraner in Berlin : Flammen der Hoffnung

Sie organisieren Lichterketten, sie bangen um Freunde und Familie daheim, sie warten schlaflos auf neue Nachrichten. Viele in Berlin lebende Iraner fühlen sich schuldig, weil sie nicht aktiv helfen können – und finden hier doch zu neuer Solidarität.

Silke Weber

Sie schlafen kaum, sie demonstrieren, sind fast 24 Stunden online, versuchen über das Telefon, Freunde und Familie zu Hause im Iran zu erreichen. In Berlin lebende Iraner engagieren sich für die Bürgerbewegung der Menschen im Iran. Gleichzeitig fühlen sie sich schuldig. Sie können hier in Kunst und Kultur frei und selbstbestimmt arbeiten, aber nicht im Iran bei Freunden und Familie sein.

Doch ihr mutiges Engagement, die Teilnahme an einer Revolution im Netz über Twitter, Youtube oder Facebook ist Teil der Bewegung, die Aufmerksamkeit, Demokratie und Freiheit einfordert. Zu ihnen gehört der in Berlin lebende Iraner Keyvan Irani (28), seinen wahren Namen möchte er nicht nennen. Auf Facebook ändern derzeit viele Iraner, auch deutschstämmige, ihre Nachnamen in ein kollektives „Irani“. Ihre Profilbilder sind schwarz für die Trauer oder Grün – nicht wie die Farbe des Islams oder die der Opposition um Mussawi, sondern für die Bewegung. Keyvan wirkt wie jemand aus der viel zitierten digitalen Bohème, lässiges Shirt, gerahmte Brille, aufgeklapptes Macbook. Er arbeitet in einem der angesagtesten Berliner Clubs und hat 2003 das Label Zabtesot (auf Farsi: Aufnahmegerät) gegründet, das iranische Untergrundmusik vermarket. Eine winzige Möglichkeit für jene Musikschaffende, die unter strenger Zensur nicht frei arbeiten können. Zabtesot versucht, iranische Musik – Jazz, Punk, Rock, alles, was dort verboten ist – nach Berlin zu holen. Im Iran gibt es für diese Musiker keine Life-Auftritte, keinen Ticketverkauf. Die Partys werden heimlich und privat unter strengen Regeln organisiert. Er selbst ist von solchen Partys vor der iranischen Polizei geflüchtet, aus Fenstern oder über Mauern gesprungen. „Es sind gute Musiker, man sollte sie in den Radios hören.“ Für ihn sind das nicht reine Importprodukte für Exil-Iraner.

Keyvan ist 2001 auf dem Weg nach Kanada eher zufällig nach Berlin gekommen und in der Stadt hängen geblieben. Seitdem pendelt er wegen der Musik, der Freunde und Familie zwischen Teheran und Berlin. Er ist im Norden Teherans groß geworden, ein Kind des Iran-Irak-Krieges (1982-88). Als Jugendlicher ist er mit Freunden durch die Straßen gezogen, die er heute auf Bildern und Videoaufnahmen bevölkert von Demonstranten, Verletzten und Toten sieht. Auf seinem Macbook gehen die Nachrichten von zu Hause ein. In den letzten Tagen werden sie seltener, aber sie zirkulieren. Das ist „wie Krieg“, sagt er, nervös fahren seine Hände durch die Haare und über den Mund als wolle er die Worte verstecken, die er ausgesprochen hat.

Er hat ein Flugticket in der Tasche: Teheran, Imam Khomeini International Airport. Bis zum Abflugtag ist er beschäftigt, Informationen aus der Heimat zu filtern, sich zu vergewissern, dass es Freunden und Familie gut geht. Freunde von ihm demonstrieren, sind verletzt worden. Seine Frau Marie (23) und er gehen in Berlin auf die Straße. Gemeinsam helfen sie bei der Organisation der Demonstrationen um Sara Dekhordi, deren Vater beim Mykonos-Attentat (1992) vom Iranischen Geheimdienst in Berlin ermordet wurde. Berlin gilt als eines der politischen Zentren im Ausland. Teheran rückt immer näher an Berlin, 24 Stunden vor Abflug sind Keyvans Koffer gepackt. Freunde sagen: „Geh nicht.“ Marie hat Verständnis, aber ihr trauriges Gesicht kann sie nicht verbergen. Die Mutter weint. Der Vater ist unsicher, er will „kein Weichei sein“. Er fährt doch nicht. Etliche Male hat er vor seinem inneren Auge die Situation durchgespielt, am Flughafen abgefangen und von den Revolutionsgarden in grünen Anzügen verhört zu werden. Bei jedem Besuch in Teheran war das wahrscheinlich. „Es gibt immer zwei Augen, die dich beobachten.“ Dieses Mal ist es ihm zu riskant, nicht mehr zurückfliegen zu können.

Iraner in Berlin hören vereinzelt von Freunden, die während der Proteste aus dem Ausland zurück nach Hause geflogen sind, aber auch vor Ort nicht viel machen können. Reza Irani* (37) war da. Reza ist beim Trauermarsch in Teheran mitgelaufen, hat gesehen wie sich die Bassidsch gegen Demonstranten formierten, ist nachts auf die Dächer gestiegen, um mit Tausenden von Iranern „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) zu rufen, ein Raunen des Aufbegehrens, in allen Wohnzimmern hörbar. Reza ist jetzt zurück in Berlin und hat Schuldgefühle, nicht mehr dort zu sein. In den letzen Tagen schläft er wenig, hat Magenbeschwerden.

Als Kind hat er die Islamische Revolution miterlebt und als Teenager hat er sich im Iran-Irak-Krieg mit seiner Familie vorm Kugelhagel gerettet. Damals schickten ihn seine Eltern allein nach Deutschland. Reza, seit 30 Jahren bekennender Bayern-München-Fan, hat sich schnell integriert. Er hat Deutsch gelernt, sprach bald besser als seine türkischen Mitschülerinnen, machte seinen Abschluss und ist heute erfolgreich in der Musikbranche tätig. Geschäftlich bereist er die ganze Welt. Berlin ist sein Lebensmittelpunkt, hier hat er Familie und kann als freischaffender Künstler arbeiten.

Wie der Film- und Theaterregisseur Ayat Najafi (32), er kam zum ersten Mal für die Berlinale 2006 nach Berlin. Sein Filmprojekt „Football under Cover“ mit David Assman, eine deutsch-iranische Dokumentation über Frauenfussball, erhielt den Berlinale Teddy Award 2008. Als iranischer Künstler, intellektuell und politisch gebildet, hat er Druck und Zensur des Regimes miterlebt. „Es gibt keine Möglichkeit für eine freie und unabhängige Stimme. Auch in den Zeiten Chatamis, des Vorgängers von Ahmadinedschad, war das so.“ Doch wenn Ayat, grüne Windjacke, gerunzelte Stirn, sich heute erinnert, sagt er: „Damals war es im Vergleich wirklich gut, heute haben auch Menschen, die systemkonform sind und nur ein wenig anders denken, keine Möglichkeit für eine unabhängige Stimme.“

In den letzten 14 Tagen seit der Wahl im Iran kommt Ayat nicht zum Arbeiten, ihm fehlt die Konzentration für das Alltägliche. Die besorgniserregenden Nachrichten aus der Heimat lassen dem Iraner keine Ruhe, nachts hat er Alpträume oder wacht plötzlich auf, um im Fernsehen und Internet nach neuen Nachrichten zu sehen, Informationen mit Freunden weltweit auszutauschen.

Dieser Tage kommen Ayats Erinnerungen an den Iran-Irak-Krieg zurück, die Raketenangriffe von Sadam Hussein, er war 12. Nach jeder Rakete machte seine Großmutter Rundrufe bei Freunden und Familie und stellte diese eine Frage: „Höre ich deine Stimme vom Diesseits oder vom Jenseits?“ Heute macht Ayat Rundrufe, jede Nachricht über einen Verletzten oder Toten könnte eine von einem Freund sein. Man stellt keine Fragen, man hört nur zu. Auch Ayat wollte hinfliegen, hat sich abraten lassen, ob in Teheran oder Berlin, er hat Angst nicht genug tun zu können. Seine größte Angst ist, „nicht nur Angehörige zu verlieren, sondern, dass die Bewegung niedergeschlagen wird. Aber immerhin, die Iraner wurden gesehen und gehört, sie haben das Iran-Bild medial verändert.“

Iraner im Ausland rücken derzeit nah zusammen, solidarisieren sich für die Menschen im Iran wie in Berlin mit Demonstrationen und Lichterketten. Auf den Demonstrationen sieht man eine neue Solidarität, „un/politsche, un/religiöse, monarchistische, rechts oder links orientierte Iraner sowie die unterschiedlichen oppositionellen Spaltungsgruppen“ formen ein Kollektiv, findet auch Ayat. Die zweite Generation von Exil-Iranern, die noch nie in der Heimat war, findet jetzt einen Zugang. Es ist eine pluralistische Bewegung. Die Iraner in Berlin sind stolz über den Mut der Menschen daheim und hoffen auf den Beginn eines Wandels. Die Hoffnung keimt in ihren Herzen. Silke Weber

*Namen von der Redaktion geändert

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