Berlin : Irène Alenfeld (Geb. 1933)

Sie blieb nirgends. Nirgends kam sie an

von

Sieben Jahre Freiheit. Dann muss sie zurück. Das hat sie dem Vater versprochen. „Mir ist die Idee recht unheimlich, nach Deutschland zurückzukehren und mich in bürgerlicher Umgebung zur Ruhe zu setzen“, schreibt sie den Eltern 1959 aus Washington. Das Sesshafte, Vorgegebene macht ihr Angst. Lieber will sie selbst bestimmen, wo es lang geht, ins Offene hinaus.

Mit 20 war sie nach Paris gegangen, hatte Sprachen studiert, sich in London den Feinschliff im Simultandolmetschen geholt und an der deutschen Botschaft in Washington gearbeitet. Von dort wird das „Fräulein A.“ von Botschaft zu Botschaft gereicht, kreuz und quer durch Asien und den nahen und den fernen Osten. An der Küste von Südceylon lässt sie sich von den Wellen treiben und hört zu, wie die Palmen rauschen. Es ist ein kurzer Moment der Ruhe. Dann geht es weiter von Termin zu Termin, bis sie nach zehn Monaten völlig erschöpft ist. Sie trifft Europäer, Amerikaner und Einheimische. Sie beobachtet genau und manchmal mit westlicher Herablassung, macht sich Gedanken über den Aufstieg der jungen asiatischen Nationen und fragt sich, „was wir Westlichen hier eigentlich wollen? Warum werfen wir diesen Völkern nicht den Ball zurück in den Dreck und Schlamassel, und lassen sie ihren eigenen Trott gehen?“ Sie interviewt Arbeiter und Bauern, fragt nach den Arbeitsverhältnissen und Löhnen und ist entsetzt, unter welchen Umständen in den Fabriken Handtaschen „für unsre feinen Damen“ geschneidert werden.

Sie ist 27 und will sich nicht mit den Eindrücken der Oberfläche zufriedengeben, nicht wie Botschaftergattinnen Smalltalk am Hotelpool machen. Sie will ernst genommen werden und die Welt deuten, wie es die Korrespondenten der großen Zeitungen tun, die sie in Hongkong, Kabul und Tel Aviv kennenlernt. Ihre beste Freundin ist die Olivetti-Reiseschreibmaschine. Das Reisetagebuch umfasst 317 eng beschriebene DIN-A4-Seiten.

Im kambodschanischen Angkor Wat überwuchern Bäume mit riesigen Wurzeln die alten Tempel. Die Wurzeln erinnern die Weltreisende an die „tyrannischen Wurzeln der Zusammengehörigkeit“ in ihrer Familie. Die Wurzeln greifen „erbarmungslos in alle Fugen des eigenen Seins ein“, schreibt sie, „und lassen keine ungestörte Entfaltung zu.“ Dann wieder überfallen sie Selbstzweifel, und je mehr sie versucht, ins fremde Leben einzutauchen, umso mehr muss sie feststellen, „dass ich überall nur Zuschauerin bin, Menschen kennenlerne, einen Augenblick in ihr Leben gucke und dann weiterreise und keine Bindung habe.“ Sie erlebt auf dieser Reise, was sie ihr Leben lang begleiten wird: dass es eine Einsamkeit gibt, die nichts mit Kontaktschwierigkeiten zu tun hat, sondern mit dem tiefen Gefühl, nirgendwo bleiben zu können und nirgendwo anzukommen.

Dieses Gefühl hat viel mit dem zu tun, was sie als Kind erlebt hat. Irène Alenfeld und ihr Bruder wachsen auf in einer Familie, die die Nazis „privilegierte Mischehe“ nennen. Ihre Mutter stammt aus einer protestantischen Familie von Landgerichtspräsidenten und Apothekern, ihr Vater aus einer jüdischen Bankiersfamilie. Die Alenfelds waren verwandt mit den Rothschilds und befreundet mit berühmten Architekten, Wissenschaftlern und Künstlern wie Max Liebermann. Als Zeichen, dass sie sich ganz und gar als Teil der deutschen Kultur verstehen, lassen sie um 1900 ihre Kinder taufen. Die Nazis interessiert das nicht. Sie machen aus den Getauften wieder Juden und sprechen ihnen das Lebensrecht ab.

Irene, 1933 geboren, sieht, wie der Vater in der Zehlendorfer Villa Abend für Abend über seinen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg brütet. Das alles soll nichts mehr wert sein? Das Kind ist dabei, wenn die Mutter Freunden beim Packen hilft, und registriert die Tränen beim Abschied. Das Kind weiß nichts von den Demütigungen, die der Vater über sich ergehen lassen muss und nichts von dem Druck auf die Mutter, sich scheiden zu lassen. Aber es spürt die Unsicherheit und Hilflosigkeit. Wie lange würde die Ehe den Vater schützen? Als die Bomben auf Berlin fallen und die Mutter Zwangsarbeit leisten muss, ist Irene zehn Jahre alt.

Sie versteht nicht, warum die Eltern nicht ausgewandert sind und auch nach dem Krieg einfach dableiben „zwischen den Mördern und Wegguckern“. Sie hat auch kein Verständnis dafür, dass der Vater „Persilscheine“ ausstellt und so viel verzeiht. Bei einer Gedenkfeier in ihrer Schule spricht eine Holocaust-Überlebende, und die Mitschüler kichern. Ihr Heimatland bleibt ihr unheimlich.

Nach der Weltreise 1960 zieht sie nach Düsseldorf. Dort lebt der Bruder, und von dort lässt es sich als Dolmetscherin leichter zu Konferenzen nach Brüssel, New York, Genf oder Kairo fliegen als vom abgeschotteten West-Berlin aus. 1963 kauft sie sich mit einer kleinen Erbschaft eine verlassene Schafsfarm in Südfrankreich und baut sie um. Die „Bergerie“ ist fortan zweiter Wohnsitz und Fluchtpunkt. Aus Irene wird Irène.

Auch in Frankreich treibt sie die Familiengeschichte um und das, was andere jüdische Familien erleiden mussten. Sie spürt Überlebende der Konzentrationslager Gurs und Rivesalte auf und befragt sie, als sich noch keine Gedenkstätte für ihr Schicksal interessiert. Einige Male verdichtet sie ihre Eindrücke zu Radio-Features und Zeitungsartikeln. Darauf ist sie sehr stolz. Denn Schreiben ist das, was sie für ihre eigentliche Bestimmung hält. Reisen, Begegnungen, sogar Krankenhausaufenthalte – sie verwandelt alles in Prosa. Manchmal entstehen Kurzgeschichten daraus.

Sie fühlt sich hingezogen zu den Kreativen und Ruhelosen, die wie sie mit sich und der Welt hadern. Mit solchen Menschen zusammenzuleben, ist oft nicht einfach. Ihre Beziehungen zu Männern dauern nie lange. So bleibt Irène Alenfeld Tochter und den Wünschen der Eltern verpflichtet. Besonders den Vater bewundert und verehrt sie über alles. Er hat den Drangsalierungen getrotzt und sich noch für andere eingesetzt. Was zählt es da, dass sie die Welt anders wahrnimmt, politisch viel weiter links steht als er, der konservativ-national denkt? Manchmal ist sie enttäuscht, dass die Eltern ihr Interesse für Israel nicht teilen und auch nicht ihren Eifer, mit dem sie nach den jüdischen Wurzeln der Familie gräbt. Sie schluckt die Enttäuschung oder lädt sie beim Bruder ab, der einen so anderen Weg geht. Er arbeitet als Jurist und Banker und will nichts mehr wissen vom jüdischen Erbe. Vielleicht ist er froh, sich dafür nicht mehr rechtfertigen zu müssen. Er heiratet eine Katholikin und bekommt mit ihr drei Kinder. Irène hat wenig Verständnis für sein Leben. Manchmal lässt sie das Gefühl, für jeden Meter Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen zu müssen, bitter werden und ungeduldig gegen andere, hochfahrend, bisweilen verletzend.

Als sie nach dem Tod der Mutter das Elternhaus ausräumt, findet sie Schubladen voller Briefe, die dokumentieren, wie die Eltern zwischen 1933 und 1945 überlebt haben. Sie recherchiert die Absender, liest sich in die Details der Geschichte ein und spricht mit Zeitzeugen. Es dauert Jahre. Dann findet sich ein Verlag, und 2008 erscheint das Buch „Warum seid Ihr nicht ausgewandert?“. Es ist ein lesenswertes Stück Zeitgeschichte, das die persönlichen Zeugnisse mit der politischen Geschichte verwebt. Irène Alenfeld ist jetzt 75 Jahre alt. Zeitungen loben ihr Werk, Buchhandlungen laden sie zu Lesungen ein. Ihr Bruder ist schon gestorben. Hätte er gewollt, dass so viel Persönliches aus der Familie öffentlich wird? Hätte das der Vater gewollt? Nichten und Neffe reagieren verhalten. Sie ist enttäuscht.

Aber es gibt ja noch viele andere Projekte. Sie engagiert sich für das israelisch-arabische Friedensdorf Neve Shalom in Israel und unterstützt eine afrikanische Familie in Berlin. Dafür erfährt sie viel Zuneigung. Museen hilft sie mit Kontakten und Dokumenten aus dem Familienarchiv. Und immer noch pendelt sie mit dem Auto zwischen Düsseldorf, Berlin und Südfrankreich.

Doch auf einmal ist ihr Paris fremd: zu laut, zu hektisch, sie versteht nicht, was die Menschen ihr sagen. Von dem Tumor in ihrem Kopf ahnt sie da noch nichts. Doch dann geht alles schnell. Zum Sterben kommt sie nach Berlin. Um ihr Krankenbett stapeln sich Papiere, Bücher, vollgeschriebene Kladden. Ein Verlag will ihre Kurzgeschichten von früher drucken. Freundinnen helfen mit dem Vorwort. Sie ordnen auch das Reisetagebuch von 1960. Als die Erinnerungen sortiert sind, kann Irène Alenfeld loslassen.

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