Berlin : Irene Stenz (Geb. 1925)

Veränderung? Immer! Die Frisur aber bleibt

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Neue Frisur, neue Frau, hofften die Töchter und schenkten der Mutter zum Geburtstag einen Fön. Ein paar Tage spielte Irene Stenz mit, dann wusch sie sich wieder wie jeden Morgen die kurzen dunkelblonden Haare, rollte sie auf Lockenwickler, ging in die Küche, stülpte die mobile Trockenhaube über den Kopf und begann das Frühstück zu machen. Nur mit dieser Frisur, den kleinen Locken, dem auftoupierten Haar am Hinterkopf, gefiel sich Irene Stenz, auch im Profil.

Alte Frisur, alte Frau? Irene Stenz fuhr mit 80 Jahren noch Auto, ging „auf Trebe“, wie sie gern sagte, setzte sich im KaDeWe an die Austernbar und aß Krabbencocktail. Sie las Krimis auf Englisch und tanzte mit dem Enkel zur Musik von Coldplay. Eine alte Frau war sie nie.

Sie hatte nur diese altmodische Frisur und eine etwas strengere Sexualmoral. Das lag wohl an ihrer Kindheit.

Irene Stenz wird 1925 als erstes Kind einer Schneiderin und eines Polizeibeamten geboren, unehelich. Denn um zu heiraten, braucht der Vater nicht nur das Ja der Mutter, sondern auch das Ja seines Vorgesetzten. Die Nachbarn tuscheln, es gehört sich nicht.

Es gehört sich auch nicht, dass Irene das einzige Mädchen in einer Jungenclique wird, sie nennen sie „Arri“, und dass sie unbedingt Abitur machen will. Der Vater verspricht sie einem Skatbruder am Spieltisch als Fotolaborantin. Auch dass sie sich nach dem Krieg weiter mit ihren Jungs trifft und merkwürdige Dinge tut, gehört sich nicht: Im Ausschnitt schmuggelt sie Brot und Kuchen der Alliierten aus dem Kontrollrat, wo sie arbeitet, „Brustkuchenarri“ heißt sie nun. Mit den Männern ist sie nur platonisch befreundet. Bis sie Charly heiratet, einen Katholiken. Für ihre Eltern gehört sich auch das nicht.

In den Sechzigern tragen die Frauen Bob-Frisuren, große Locken an den Seiten. Irene Stenz behält die kleinen Locken. Es kommen die Kinder: zuerst ein Sohn, er stirbt bei der Geburt, 1957 die erste, 1960 dann die zweite Tochter. Wenn die Kinder krank sind, setzt Irene Stenz sich mit der Nähmaschine zu ihnen und erzählt aus der Nachkriegszeit. Wenn die Kinder draußen spielen, lässt sie einen Korb mit Essen zu ihnen hinunter. Sie verwaltet das Geld, ihr Mann ist sparsam, also ist sie es auch, pflegt ihre Mutter, kümmert sich um ihren Vater, ihre Schwiegermutter, sie backt, kocht Marmelade ein, am Waschtag gibt es Kartoffelpuffer, an Weihnachten Gänsebraten. „Alles nur eine Frage der Einteilung“, sagt sie.

Sie verlegt Fliesen und tapeziert. Am Telefon fragt der Ehemann, ob die Möbel noch am selben Platz stehen, wenn er abends nach Hause kommt. Irene Stenz verändert gern die Wohnung, legt neue Beete im Garten an. Die Frisur aber bleibt.

Die Siebziger kommen, Irene Stenz wird Elternsprecherin, sie diskutiert mit ihrem Mann, der die Familie allein ernähren möchte, bis sie arbeiten darf. Sie wird Buchhalterin, halbtags. 1975 stirbt ihr Mann mit 52 Jahren, Irene Stenz arbeitet fortan den ganzen Tag.

Andere Mütter tragen in diesen Zeiten Hochsteckfrisuren, Irene Stenz toupiert sich morgens weiter die Locken. Sie nimmt sich vor, die Töchter aufzuklären, auf einem Spaziergang. Dann erzählt sie von Blumen und Bienen, und dass es sich lohnt auf den Prinzen zu warten, sich aufzusparen. Als sie die „Bravo“ bei ihnen findet, wird sie wütend. Als ihr Vater kurz nach dem Tod der Mutter eine neue Freundin hat, nennt sie ihn pietätlos. Und als die Töchter, fast erwachsene Frauen, Männer mit nach Hause bringen: „Was sollen denn die Nachbarn sagen?“ Schließlich gibt es noch den Kuppelparagrafen. Die Moral passt zur Frisur.

Die Achtziger und Neunziger kommen, Irene Stenz tobt mit ihren Enkeln auf Spielplätzen, möchte auf keinen Fall Omi genannt werden. Man trägt jetzt Dauerwelle, Vokuhila, Pony. Irene Stenz wickelt und trocknet die grauen Haare zu Locken, toupiert den Hinterkopf. Als die Enkelin einen Freund hat, sagt Irene Stenz, der Richtige werde schon noch kommen, später.

Irene Stenz bleibt ihrem Mann treu, in all den Jahren, bis zuletzt. Ihrer Frisur auch. Julia Prosinger

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