Berlin : Irmgard Ostermai (Geb. 1935)

„Würdest du mich auch dann begleiten?“

Daniela Rattunde

Und wenn wir in einer Höhle leben müssten, wo von oben das Wasser tropft, würdest du mich auch dann begleiten?“ Irmgards Antwort war klar: Sie zog mit ihrem Mann in die Welt.

Auf ihrem gemeinsamen Weg erlebten sie etliche Aufbrüche und Neuanfänge und mehr als einmal auch Todesangst, aber für Irmgard war der Ausnahmezustand schon vorher Normalität gewesen: Die Bombardierung Berlins, Nächte im Luftschutzkeller, die Flucht ins Memelland und weiter nach Sachsen, der Verlust von drei Geschwistern.

Ihre Familie kehrte nach dem Krieg zurück nach Prenzlauer Berg. Irmgard ging zur Schule und arbeitete häufig im Kartenzimmer. Dort fiel sie Günter Ostermai auf, einem Lehrer der Nachbarschule. Als Irmgards Familie die Lebensmittelkarten gestohlen wurden, half er – nicht ganz uneigennützig: Er sah Irmgard von jetzt an öfter. Als er nach West-Berlin floh, besuchte sie ihn auch dort. Im Dezember 1951, Irmgard war 16, heirateten sie.

„Und wenn wir in einer Höhle leben müssten, wo von oben das Wasser tropft, würdest du mich auch dann begleiten?“ Der erste Sohn kam drei Jahre später zur Welt und kurz darauf der Gedanke, in ein anderes Land zu ziehen. 1957 war es soweit: Das Auswärtige Amt schickte Günter als Direktor an eine deutsche Schule in Chile. In einer Höhle mussten sie allerdings nicht leben, sondern in einem Bungalow mit Waschfrau, Dienstmädchen und Gärtner. Selbst einen Mann, der für sie das Holz hackte, gab es. Abenteuerlich waren die folgenden Jahre trotzdem.

Bei der Geburt ihres zweiten Sohnes fürchtete Irmgard, sterben zu müssen. Der Kaiserschnitt in einem chilenischen Landkrankenhaus: keine ungefährliche Operation. Doch Mutter und Sohn überstanden sie unbeschadet.

Am 22. Mai 1960 erschütterte Chile ein heftiges Erdbeben, es war das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts. Die Ostermais standen eng umschlungen mitten auf der Plaza der kleinen Stadt im Süden des Landes, sie sahen den Kirchturm schwanken und erwarteten, dass sich die Erde vor ihnen auftat und sie allesamt verschlingen würde. Sie überlebten auch das.

Die Formel „Ich liebe dich“ fiel während ihrer 65 Ehejahre nicht ein einziges Mal. „Wir brauchten das nicht“, sagt Günter Ostermai. Gefühle zu zeigen oder gar darüber zu sprechen, war nicht Irmgards Sache. Das machte den Kontakt zu anderen hin und wieder schwer, doch wer sie länger kannte, wie ihre Kollegen im Postamt Nienburg, der wusste ihre Geradlinigkeit zu schätzen. Die Kleinstadt in Niedersachsen, in der die Familie Ostermai 20 Jahre leben sollte, war bestimmt nicht der spannendste ihrer Wohnorte, doch nach Jahren als Frau des Direktors führte Irmgard hier endlich ein eigenes Berufsleben. Sie prüfte im Vorstand der Betriebskrankenkasse Belege, war im Personalrat und arbeitete ehrenamtlich als Schöffin und Richterin.

Die Zeit der großen Reisen begann, als die Kinder aus dem Haus waren. Keine Luxusreisen, eher Abenteuerurlaub: Übernachtungen in billigen Hotels, unterwegs mit klapprigen Bussen. Die Ostermais kannten Südamerika besser als Deutschland oder Europa. „Das bereisen wir, wenn wir alt sind!“ Als sie das sagte, war Irmgard schon über 60. Mit Günter erklomm sie Vulkane, kämpfte sich in einem Kanu durch Stromschnellen und schlug sich auf rutschigen Pfaden kilometerweit durch den mexikanischen Dschungel, um eine Mayaruine zu besichtigen. Als sie auf Bali in einem Raftingboot einen Fluss entlangraste, war sie 73.

Wie lang so ein Leben ist. Auf Nienburg folgte noch ein Umzug, der vorletzte. Die Vielgereisten kauften sich ein Haus in Spanien, an der Costa Blanca mit Garten, Sonnenterrasse, Schwimmbad und Sauna. 20 Jahre lang blieben sie im Süden.

Irmgard war nicht religiös, sie war Realistin. Dass der Kampf gegen den Krebs nicht zu gewinnen sein würde, stand bald fest. Sie lebte ihre letzten Tage tapfer, ohne Klage, und als es Zeit wurde, nahm sie Abschied.

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