Berlin : Irmgard Prokop: Geb. 1909

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Irmgard Prokop hat mehr als 30 Jahre in einer eleganten Einzimmerwohnung in der Gropiusstadt gelebt, umgeben von antiken Amphoren und Büsten auf dem Veloursteppich. Doch um nach ihren Spuren zu suchen, muss man in den fernen Berliner Westen fahren. Außerhalb von Spandau liegt dort am Waldrand das Evangelische Johannesstift, in der Mitte eine mächtige Backsteinkirche, rund herum Altersheime, Ausbildungswerkstätten für behinderte Jugendliche, Krankenhäuser, großzügige Parkanlagen. Eine kleine Stadt für fast 1500 Menschen, mit noch einmal so viel Personal. Irmgard Prokop hat hier nicht eine Nacht verbracht. Und trotzdem hat sie das Johannesstift in ihrem Testament zum alleinigen Erben bestimmt.

Wolfgang Löwer besitzt nur ein Foto von ihr. Irmgard Prokop muss eine schöne Frau gewesen sein: gerade Nase, eisblaue Augen und weiße Locken, die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. Das Foto klebt auf dem Schwerbehindertenausweis in einem Aktenordner, in dem Herr Löwer alles über Frau Prokop gesammelt hat. Wolfgang Löwer ist der Leiter der Nachlassabteilung des Johannesstifts.

Wenn Löwer versucht, sich an Frau Prokop zu erinnern, muss er sie von 200 anderen "Erblassern und Erblasserinnen" unterscheiden. So werden die Menschen genannt, die schon zu Lebzeiten bestimmen, einer wohltätigen Instititution wie dem Johannesstift ihr Vermögen zu hinterlassen. "Den alten Menschen ist wichtig, dass jemand dafür sorgt, dass alles seine Ordnung hat, wenn sie mal nicht mehr sind", sagt Wolfgang Löwer und klickt sich in seinem Computer durch die Dateien. Als Frau Prokop gestorben war, brachten die "Heinzelmännchen", der Umzugsservice des Johannesstifts, die weißen Schleiflackmöbel aus ihrer Wohnung in die "Fundgrube", ein Zweitehandladen, den das Johannesstift betreibt. Löwer und seine Leute suchten den Sarg und die Blumen für das Begräbnis aus, gaben die Todesanzeige auf, kündigten die Versicherungen. Sie lösten die Wohnung von Frau Prokop auf und bezahlten die offenen Rechnungen.

Es gibt niemanden außer Herrn Löwer, der noch von Frau Prokop erzählen könnte. Ein Neffe aus dem Ruhrgebiet schaute alle Jahre einmal vorbei. Die Kollegen aus der Senatsverwaltung, die Freunde aus der Wandergruppe, die Damen aus dem Charlottenburger Singekreis, dem sie viele Jahre angehörte, alle hat sie überlebt. Nur Wolfgang Löwer stand regelmäßig mit einem Blumenstrauß vor der Tür. Das gehört zum Service des Johannesstifts, das auch mit Prospekten um neue "Erblasser und Erblasserinnen" wirbt. "Fundraising" im Nachlassbereich liegt groß im Trend, seit sich herumgesprochen hat, dass in Deutschland jedes Jahr 300 Milliarden Mark vererbt werden. Mit manchen seiner Klienten verbindet Herrn Löwer eine tiefe Beziehung, doch zu allen ist das kaum möglich.

Frau Prokops Testament lag seit 1985 in dem Tresor hinter Löwers Schreibtisch. Warum sie sich für das Johannesstift entschieden hat? "Vielleicht kannte sie uns noch aus der Nachkriegszeit, als viele hier Unterkunft und Hilfe in der Not fanden", vermutet er.

Ihr Testament hat Frau Prokop Aufmerksamkeit und Sorge bis zum Tod beschert. Aber einen Heimplatz im Johannesstift kann sich niemand mit einer Spende erkaufen. Dafür gibt es Wartelisten. Wenn er sie in ihrer Wohnung besuchte, sagte Wolfgang Löwer oft: "Sie sollen nicht sparen, Frau Prokop. Für das Johannesstift bleibt immer noch genug übrig". Einmal im Jahr nahm Frau Prokop gemeinsam mit den anderen Wohltätern des Johannesstifts am "Tag des Spenders" teil, mit Musik und Kaffekränzchen.

Schlank war sie und groß, erinnert sich der Nachlassverwalter. Sie liebte die Länder am Mittelmeer und reiste noch bis ins hohe Alter nach Italien und Frankreich, fotografierte den Petersdom und Tempel auf Sizilien. Sie war einmal verheiratet, doch das lag bereits ein halbes Jahrhundert zurück, als Löwer sie kennenlernte. Es gab auch einmal ein Kind, das früh gestorben ist. Ob Junge oder Mädchen, darüber haben sie nicht gesprochen.

Bis kurz vor ihrem Tod lebte Frau Prokop in ihrer Wohnung in der Gropiusstadt. Im Dezember 2000 starb sie in einer Pflegestation. Sie hinterließ dem Johannesstift eine Viertelmillion.

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