Berlin : Irmgard Riepenhausen (Geb. 1921)

Stark, unabhängig, mutig zu sein, wo lernt man das?

Kirsten Wenzel

Es gibt Häuser, die sind wie verlassen, wenn nur einer darin wohnt. Und es gibt andere. Der Gartenbungalow von Irmgard Riepenhausen in Lichterfelde zum Beispiel. Genau richtig für einen Menschen, der gern Besuch empfängt, aber sich eigentlich selbst genügt. Eine Wohndiele mit Wintergarten und Kamin, ein Schlafzimmer mit baldachinüberspanntem Einzelbett, in der Ecke ein altes Klavier. Ein kleiner Garten mit Teich. Ein winziges Arbeitszimmer, in dem sich Kassetten und handgeschriebene Notizen stapeln. Überall Einzelstücke aus Japan, Indien, Dänemark, Osteuropa. Das Haus einer starken Frau, einer Persönlichkeit. Das sagt sich so. Aber stark, unabhängig, mutig zu sein, wo lernt man das? Ausgerechnet im Dritten Reich, als sie jung war?

Irmgard Riepenhausen machte die wichtigen Dinge mit sich allein aus. Den Beschluss, mit 17 aus dem „Bund Deutscher Mädchen“ auszutreten zum Beispiel. Wen hätte sie auch ins Vertrauen ziehen können? Den Vater, der ihr seinerseits verheimlichte, dass er befreundete Juden versteckte? Bewundern konnte sie ihn, aber vertrauen? Ihm, dem ewig Distanzierten, der seiner eigenen Tochter nicht traute, sie mit harter Hand erzog? Der ihr als Kind untersagt hatte, schwimmen und Fahrrad fahren zu lernen?

Ihr Abschlussdiplom als Geschichts- und Musiklehrerin machte sie mitten im Krieg, 1943. Man setzte sie in der Kinderlandverschickung ein, in Kroatien und der Slowakei. Ihrem Tagebuch teilte sie lakonisch mit, dass die Schulleiterin sich auf dem Weg gen Süden mit dem Proviant der Gruppe davongemacht habe. „Mit 20 Lehrern und mehr als 200 Schülern zogen wir südwärts über den verschneiten Böhmerwald, fast ausschließlich zu Fuß, in Scheunen schlafend, von den Tschechen wütend bedroht und immer hungrig.“ Andere mögen bitter geworden sein nach solchen Erfahrungen, sie wurde kämpferischer. 1947 verließ sie den Schuldienst, um den Chor des Berliner Rundfunks in Ost-Berlin zu leiten. Weil sie eine „Stalinkantate“ nicht vortragen wollte, wurde sie entlassen. Nach vier Jahren ohne Anstellung kam sie als Musiklehrerin ans Französische Gymnasium in West-Berlin. „Die Stelle meines Lebens“ steht im Tagebuch.

Der Beruf war ihr Lebensinhalt: Musik unterrichten. In der Musik fühlte sie sich frei, konnte ihre Gefühle ausleben, die sie sonst so gut kontrollierte. Ihre Schüler und Kollegen bewunderten sie für ihre Eleganz, ihre Selbstständigkeit. Die Ehe, der Sohn, die Familie blieben Rahmenprogramm. Mit dem Sohn machte sie früh Kulturreisen, denn im Ostseesand zu buddeln, das war nichts für sie. Von ihrem Mann trennte sie sich, als der Sohn erwachsen war und, fast noch wichtiger, als die Haushälterin in Rente ging. Irmgard Riepenhausen wollte genau wie ihr Mann draußen in der Welt tätig sein, ohne Abstriche, engagiert in tausend Projekten – und nicht am heimischen Herd versauern. Sie kaufte ihr Einpersonenhaus in Lichterfelde, beschäftigte stundenweise einen Gärtner und eine Zugehfrau und lebte ihr Leben, zielstrebig und weltbezogen, wie es in ihrer Generation vor allem die Männer taten.

Sie wechselte in die Senatsverwaltung, reformierte Lehrpläne für den Musikunterricht, brachte den Lehrern in Fortbildungen elektronische Musik und minimal music nahe, kämpfte für die musikbetonten Grundschulen, bis es davon mehr als ein Dutzend in Berlin gab. Als Pensionärin legte sie erst recht los. Es gab so viel, was sie interessierte: Gestalttherapie, Graphologie, Astrologie, Feldenkrais. Gitarrespielen, Reiten.

Es gab viele Menschen, die ihre Gegenwart genossen, ihre Klugheit, ihren Sprachwitz – und wenige, denen sie sich anvertraute. Mit ihrem Astrologie- Freund analysierte sie den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung, doch von einer schweren Erkrankung deutete sie nur an, dass da „gesundheitlich etwas nicht stimme“. Als sie nach einem Hirnschlag die Sprache verlor, dauerte es Monate, bis sie begriff, dass es sinnlos war, auf die anderen wütend zu sein, wenn die ihren Silbensalat nicht verstanden. Doch so allmählich wie sie dies als die schwierigste Lektion ihres Lebens anerkannte, wurde sie auch ruhiger. Fast schien sie zu staunen: was für ein Dasein ohne Literatur, ohne Musik, ohne Fernsehen, ohne Zeitung, ohne Briefe und ohne Reisen! Ausgerechnet für sie. Die Freunde kamen weiter zu Besuch, brachten Blumen, saßen schweigend mit ihr auf dem Sofa, legten manchmal den Arm um sie. Und sie genoss diese späte, anspruchslose Nähe. Zuerst in ihrem Einpersonenhaus, später dann im Heim. Das Ausruhen vom lebenslangen Wachsen und Streben, das keiner Worte mehr bedurfte. Kirsten Wenzel

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