Berlin : Irmgard von Stephani (Geb. 1895)

„Das Alter kommt von ganz allein.“

David Ensikat

Findest Du, dass ich älter aussehe, als ich bin?“ Mit Sorge hat sie den Großneffen das gefragt. Frau von Stephani machte keine Witze. Von den Leuten, die Du sagen durften, wollte sie nicht Irmchen genannt werden, sondern Irmgard. Alle anderen sollten auf das „von“ im Namen achten.

Aber so viele, die mit ihr sprachen, gab es gar nicht mehr. Gut, die Diakonie kam, als sie noch zu Hause wohnte, drei Mal am Tag vorbei. Manchmal auch der Pfarrer. Aus der Familie gab es zwei Neffen und einen Großcousin, die sich mit den Besuchen abwechselten. Ein Mal im Monat. Sie kamen von weit her und gingen mit ihr ins „Parkcafé“. Da war das Walnusseis so gut, und der Wirt hatte am selben Tag Geburtstag wie sie, ein auch nicht mehr ganz junger Mann – wenn auch 53 Jahre jünger als sie.

Im Lichterfelder „Parkcafé“ feierten sie auch ihre Geburtstage, zum letzten Mal den 111. Da kam der Wowereit vorbei, die Bodyguards warteten draußen, und plauderte mit ihr. „Tantchen war ganz freundlich“, sagt der Großcousin, „aber wer da genau neben ihr saß, wird sie wohl nicht mehr so mitbekommen haben.“

Damals erschienen Artikel über sie in ein paar Zeitungen. Die älteste Frau Deutschlands! Sie wurde mit dem wahren Satz zitiert: „Das Alter kommt von ganz allein.“ Und außerdem mit diesem, über den immerhin diskutieren könnte, wer das Älterwerden nicht als wichtigste Tugend begreift: „Man muss zufrieden sein.“

Fragen wir den Großcousin nach dem langen Leben der Frau von Stephani. „Wissen Sie, ich habe sie ja erst kennen gelernt, als sie schon fast hundert war“, sagt er, „so viel weiß ich gar nicht.“ Mehr als er wird aber kaum ein anderer noch wissen. Sind ja alle längst tot.

Also: Sie kam aus guten Hause, wovon der Adelstitel kündet. Sie hatte eine Schwester, Alice, gestorben 1958. Die war immerhin einmal verlobt, mit einem Jagdflieger, der den Ersten Weltkrieg nicht überlebte. In Irmgard von Stephanis Leben gab es zumindest einen Mann, der kam aus Frankreich, und es gab ein Foto von ihm. Erzählt hat die Dame nichts weiter über ihn. Sie erlernte keinen Beruf, in ihren Kreisen war es üblich, gut zu heiraten. Da ihr das nicht vergönnt war, verdingte sie sich als Hausdame. So kam sie in den dreißiger Jahren nach Berlin. Die längste Zeit verbrachte sie bei einem alleinstehenden Herren, einem Architekten. Sie kümmerte sich um seine Villa in Lankwitz, begleitete ihn auch in den Urlaub und sprach ihn bis zuletzt mit „Sie“ an. Es heißt, er habe ihr seine Villa vererbt, die sie an einen Neffen weitergegeben habe. In den Achtzigern war das, und sie fand, sie sei zu alt für so ein Haus. Der Neffe starb lange vor ihr.

Noch ein paar Erinnerungsstücke bringt der Großneffen hervor: Vor dem Ersten Weltkrieg war sie oft in Holzminden, wo der Verlobte ihrer Schwester herkam. Sie muss dort viel gekegelt haben, denn zu ihrem 111. Geburtstag hat jemand ihr ein Holzmindener „Kegelbuch“ geschenkt, eine Art Vereinsprotokoll, in dem ihr Name auftaucht. Und dann hat sie auch mal erzählt, dass sie während des ersten Krieges in einer Militärtelegrafenstelle in Belgien gearbeitet habe.

Aber meistens sei es in den Gesprächen weniger um ihre Lebensstationen gegangen (schon gar nicht um ihre Krankheiten, denn da gab es keine), sondern mehr um die Belange des Besuchers, wie steht’s um die Geschäfte, was macht die Familie. Und über den Tee haben sie viel gesprochen. Sie trank sehr gerne Tee und legte großen Wert darauf, dass die Temperatur stimmte und dass nicht zu wenig Zucker hineinkam. „Die Kanne hast du doch vorgewärmt?“

Das letzte halbe Jahr lebte Irmgard von Stephani im Pflegeheim. Viel wusste man hier nicht über sie, man bewunderte ihr Alter. Die Heimleitung teilt mit, sie sei „ganz friedlich eingeschlafen“. David Ensikat

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