Berlin : Irmingard Niederschuh (Geb. 1925)

„Die Reisen sind unser Haus.“

Elias Lind

Es waren viele Ansichtskarten, die vor Irmingard Niederschuh auf dem Tisch lagen, ein ganzer Stapel. Sie machte sich daran, sie zu frankieren und Namen und Adressen der Freunde darauf zu schreiben. Danach wollte sie die Urlaubsgrüße formulieren. Ein ruhiger, schattiger Platz am Pool, viel unternehmen konnte sie ohnehin nicht. Erst vor ein paar Tagen war sie auf Mallorca gelandet, und schon hatte sie sich einen Sonnenbrand geholt, bei der Wassergymnastik. Zeit genug also, sich um die Karten zu kümmern.

Irmingard Niederschuh hatte schon immer viele Postkarten verschickt, zu Weihnachten, zu Geburtstagen, aus dem Urlaub. Sie war viel unterwegs in der Welt und hielt Kontakt. Safari in Ostafrika Anfang der siebziger Jahre, mit dem Helikopter über den Himalaya in den Neunzigern. Dazwischen Oman, Bali, Südamerika, insgesamt 53 Länder.

Die großen Reisen waren für Irmingard Niederschuh und ihren Mann Herbert mehr als Urlaub, sie waren Projekte. Über zwanzig Jahre lang, immer zu Ostern ging es los. Ein viertel Jahr Vorbereitung mit Büchern und Reiseführern, ein viertel Jahr Nachbereitung. Herbert schnitt die Super-8-Filmaufnahmen und sprach Kommentare aufs Tonband, Irmingard vermengte die Sprachaufnahmen mit Originaltönen und Musik. Bei der Vorführung startete er den Filmprojektor und sie das Kassettengerät, synchron.

Im Sommer fuhren sie nach Österreich, immer in die gleiche Pension, Weihnachten fuhren sie Ski, und dann war es wieder Zeit, über das nächste, möglichst ausgefallene Ziel nachzudenken. Freunde, die beim Filmabend der Niederschuhs in Charlottenburg deren Reisen bestaunten, fragten, wie sie dafür so viel Geld ausgeben konnten. Irmingard antwortete: „Dafür haben wir ja auch kein eigenes Haus. Die Reisen sind unser Haus.“

Ein Auto leisteten sie sich allerdings auch. Schon lange. Wenn man 1954 aus ihrer Wohnung auf die Suarezstrasse schaute, parkte da weit und breit nur ein einziges, die kleine blaue Isetta der Niederschuhs, die in diesem Jahr geheiratet hatten.

Irmingard hatte Herbert an der Universität kennen gelernt, ein geradliniger, zielstrebiger Mann, viel ruhiger und ernster als sie, aber auch ein guter Tänzer. Wie sie wollte auch er Lehrer werden. Irmingard war als erste mit dem Studium fertig und fand auch gleich eine Stelle an einer Grundschule. Mit dem Wort „Emanzipation“ hätte sie kaum etwas anfangen können; ihre Selbständigkeit war einfach selbstverständlich. Sie machte den Führerschein, setzte sich morgens in die Isetta und fuhr zur Arbeit. Solange Herbert noch studierte verdiente eben sie das Geld für beide.

„Wer singt denn da immer so schön?“ Die Herren vom Berliner Kammergericht hatten sich ein Herz gefasst und fragten gegenüber in der Lietzenseeschule nach. Durch die geöffneten Fenster klangen zweimal in der Woche die Lieder, begleitet vom Akkordeon, in die Juristenbüros. Noch im hohen Alter übernahm Irmingard Niederschuh, nun ehrenamtlich, die ein oder andere Musikstunde. 350 Lieder, Texte und Musik, konnte sie auswendig, ihr „Liederschatz“.

Seit ihrer Jugend sang sie in Chören, die letzten 26 Jahre im Berliner Lehrerchor. Sie sang sich durch ihr Leben, organisierte Weihnachtsfeiern, für die Schule, für Altenheime und schließlich auch, weil sie so nett gefragt hatten, für die Juristen vom Kammergericht. Sie ließ sich das Akkordeon hinübertragen und ließ die Kinder am Fuß der breiten Gerichtstreppe Aufstellung nehmen.

Nach Herberts Tod vor sechs Jahren war es mit den weiten Reisen vorbei, aber sie fuhr weiter, wie in den letzten dreißig Jahren, jedes Jahr im Sommer nach Kärnten. Letztes Jahr gab die Wirtin die Pension auf, aus Altersgründen. Irmingard dachte nicht daran ihren Sommerurlaub aufzugeben, schon gar nicht aus Altersgründen. Sie fuhr nach Mallorca.

Es sah aus, als sei sie eingenickt auf ihrem schattigen Platz am Pool.

Ein paar Tage später trafen die Ansichtskarten bei den Freunden ein, ohne Urlaubsgrüße. Irgend jemand hat sie noch zur Post gebracht. Elias Lind

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