Berlin : „Irre, eine eingemauerte Stadt“

Novemberkinder auf Dampferfahrt: Sie sind am Tag des Mauerfalls geboren und feiern jedes Jahr gemeinsam ihren Geburtstag

Markus Horeld

Fritz ist noch müde. Es ist kurz vor elf Uhr morgens. Novemberwetter regnet am Fenster vorbei. Drin ist es gemütlich warm, und es schaukelt ein wenig. Langsam legt das Motorschiff „Luna“ von seinem Anlegeplatz an der Weidendamm-Brücke in Mitte ab.

Fritz ist ein Novemberkind. Er wurde an einem Tag geboren, als schier unglaubliche Bilder aus Berlin über die Fernseher der Welt flackerten. Sein Geburtstag ist der 9. November 1989. Während Günter Schabowski sein legendäres „sofort, unverzüglich“ in die Mikrophone stotterte und die Welt sich fühlte, als wandle sie mitten durch ein Geschichtsbuch, während sich an der Mauer wildfremde Menschen in die Arme fielen, erblickten in Berlin über 80 Kinder das Licht der Welt. Am vergangenen Sonnabend feierte mehr als die Hälfte von ihnen gemeinsam ihren 13. Geburtstag. Eingeladen zur nachträglichen Party wurden sie von den Berliner Volkswagen-Händlern.

Diese hatten kurz nach dem Fall der Mauer die Initiative „Berliner Novemberkinder“ ins Leben gerufen. Ihrem Aufruf waren damals fast 150 Eltern gefolgt. Seither trifft man sich jedes Jahr zum großen Kindergeburtstag – mal im Varieté „Chamäleon“, mal bei den Basketballern von Alba oder wie in diesem Jahr zu einer Dampferfahrt auf der Spree.

Als sich die „Luna“ Richtung Regierungsviertel aufmacht, erzählt Geburtstagskind Nico aus Heiligensee, dass er schon mal auf einem Schiff war. Damals gab es aber mehr Wasser, weniger Land, und es ging nach Schweden. Das war lange nach dem Mauerfall, den Nicos Eltern – wenige Stunden nach der Geburt ihres Sohnes – komplett verschlafen haben. Dass eine Stadt komplett eingemauert ist, kann Nico sich nicht vorstellen. „Irre“, sagt er nur, während die „Luna“ am „Band des Bundes“, den neuen Gebäuden im Regierungsviertel, vom alten Ost- in den Westteil der Stadt fährt.

Nico, Fritz und all die anderen Novemberkinder kennen ihren großen Tag nur aus dem Fernsehen. Es sind die Fernsehbilder und die Erzählungen der Erwachsenen, die aus ihrem Geburtstag einen so besonderen Tag machen. Darauf sind sie schon ein wenig stolz. Sie sind die ersten Kinder einer neuen Zeit. Und wie zum Beweis können sie mit den alten Ost-West-Klischees wenig anfangen. „Es gibt doofe Ossis und doofe Wessis. Und andersrum“, sagt Christoph aus Petershagen. Für den Jungen, der ursprünglich aus Mitte kommt, sind Menschen einfach nur Menschen. Die „Mauer im Kopf“ sucht man bei den Novemberkindern vergebens.

Tim, der vor einigen Jahren mit seinen Eltern von Zehlendorf nach Stahnsdorf gezogen ist, hat erst dort erfahren, dass es Vorurteile gibt. „Bin ich ein Wessi?“, fragte er eines Tages seine Eltern traurig. Er wusste nicht einmal, ob das ein Schimpfwort war. Heute bezeichnet sich Tim stolz als „Wossi“.

Unterschiede zwischen Ost und West kann auch Brinje aus Spandau kaum noch entdecken. „Es gibt keine Straßenbahn bei uns“, fällt ihr ein. Und: „Die Menschen im Osten sprechen einen anderen Dialekt.“

Vielleicht haben auch die alljährlichen VW-Geburtstagspartys dazu beigetragen, dass bei den Novemberkindern die üblichen Klischees keine Chance hatten. Von Kindesbeinen an hatten sie mit „der anderen Seite“ Kontakt. Ost-West-Freundschaften sind so entstanden – wie zwischen Laura aus Köpenick und Miriam aus Neukölln, die von allen Mariam genannt wird.

Die beiden Mädchen treffen sich jedes Jahr zum gemeinsamen Kindergeburtstag. „Besucht“, sagt Laura bedauernd, „haben wir uns aber leider noch nicht.“ Laura sagt übrigens „Ost-Berlin“, wenn man sie nach ihrem Wohnort fragt. Sie weiß, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Zwar habe es im Westen buntere Schaufenster gegeben, im Osten dafür aber keine Arbeitslosen. Das hat man ihr jedenfalls erzählt.

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