Irrige Annahme : Schweinegrippe: Viele Muslime hielten sich für immun

Kein Schweinefleisch, keine Schweinegrippe? Mediziner kämpfen gegen das Gerücht an, dass Essgewohnheiten die Gläubigen vor Infektion schützen.

Christoph Stollowsky

Wenn die Muslime in Berlin über ihre Satellitenschüsseln Nachrichten aus der Heimat empfangen, sind zurzeit zwei große Themen täglich dabei: der Hadsch, die größte alljährliche Pilgerfahrt nach Mekka – und die Schweinegrippe. Beide werden im engen Zusammenhang erörtert. Denn die arabischen Behörden fürchten, Mekka könne sich durch den Ansturm von rund zweieinhalb Millionen Gläubigen zur Drehscheibe für die Verbreitung des neuen Grippevirus entwickeln. „Spätestens diese Debatte hat auch dem letzten Muslim in Berlin klargemacht, dass der Verzicht auf Schweinefleisch keinesfalls vor Schweinegrippe schützt“, sagt der Sprecher der Gesellschaft Türkischer Mediziner, Ilker Duyan. Tatsächlich hatte sich in der türkischen Community das Gerücht verbreitet, dass Muslime aufgrund ihrer Essgewohnheiten gegen die neue Grippe gewissermaßen immun sind.

Dass die Viren von Mensch zu Mensch übertragen werden, wiederholen die saudischen Behörden derzeit gebetsmühlenartig, und es geht auch aus den Auflagen für die Ende November in Mekka erwarteten Pilger hervor. Wer aus einem Land kommt, in dem der Impfstoff gegen die H1N1-Infektion schon vorhanden ist, darf nur immunisiert einreisen. Außerdem sind Kinder und ältere Menschen diesmal von der Pilgerfahrt gänzlich ausgeschlossen. Das sei „die beste Aufklärung“, sagen Vertreter türkischer und arabischer Vereine in Berlin.

Schweine gelten nach dem Koran als unreine Tiere, ihr Fleisch darf nicht verzehrt werden. Duyans Medizinergesellschaft vertritt rund vierzig niedergelassene türkische Ärzte in Berlin und betreibt seit dem Auftauchen der Krankheit eine breite Aufklärungskampagne. Duyan: „Kommenden Mittwoch informieren wir beispielsweise über alle Fragen rund um die neue Grippe in einer arabischen Moschee in Moabit und einer türkischen Moschee in Neukölln.“ Auch die Imame seien in ähnlicher Weise aktiv.

Im Vergleich zur deutschen Bevölkerung gelten die Berliner Muslime sogar als „besonders impfwillige Kandidaten“. Das bestätigt auch der Türkische Bund. Hintergrund sei eine „ausgeprägte Impftradition“ in der Türkei, wo in früheren Jahrzehnten nach Epidemien konsequent alle Schulkinder immunisiert wurden. Die Teilnahme war Pflicht, heißt es. Das sei auch für die heutigen Türken in der Emigration noch selbstverständlich, „weshalb sie jedes Impfangebot in großer Zahl wahrnehmen“ – von Polio bis zur klassischen Influenza.

Zum Wochenbeginn gab es in Berlin 923 bestätigte Infektionsfälle. Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff unterschrieb am Montag die ersten hundert Verträge mit niedergelassenen Medizinern, die ab kommender Woche Impfungen anbieten. Wie viele Berliner Praxen sich letztendlich an der Impfaktion beteiligen werden, kann die Gesundheitsverwaltung bislang nicht sagen. Rund 2000 Praxen sind nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Behörde dafür geeignet und bekamen entsprechende Verträge zugesandt. Vor allem wegen der Vorbehalte unter Medizinern gegen den neuen Impfstoff wird aber nur mit „etwa 500 Ärzten“ gerechnet, die die Immunisierung unterstützen. Diese Praxen seien dann aber „gut über die Bezirke verteilt“, heißt es in der Gesundheitsverwaltung.

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