Berlin : Islam oder Islamismus – Berlin zieht alle an

Viele Muslime kommen in die Hauptstadt. Eine Hochburg für Fanatiker sieht der Senat nicht

Sigrid Kneist

Wird Berlin zur Hochburg der Islamisten in Deutschland? Ein Islam-Kongress wird hier organisiert, der Terrorverdächtige Reda Seyam zog auf Kosten des Sozialamtes mit seiner Familie nach Berlin und vor dem Kammergericht läuft der Prozess gegen Ihsan G., der in Berlin junge Islamisten für den Heiligen Krieg trainiert haben soll. Für den innenpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Frank Henkel, sind diese Ereignisse ein Alarmzeichen. Er will prüfen, ob Berlin zu einem Sammelbecken für islamistische Extremisten geworden ist. „Wir müssen den Anfängen wehren“, sagt Henkel und wirft Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und dem Verfassungsschutz vor, die Öffentlichkeit nicht ausreichend zu informieren.

Von einer Zunahme islamistischer Umtriebe wollen allerdings weder Körting noch der Verfassungsschutz sprechen. Sie verweisen darauf, dass die Zahl der Islamisten seit Jahren ungefähr gleich groß ist. Rund 4000 Islamisten, die an die Einheit von Staat und Religion glauben und diese propagieren, soll es nach Angaben Körtings in der Stadt geben. Dies mache einen Anteil von zwei Prozent von den rund 200000 in der Stadt lebenden Muslimen aus. Aber nur ein ganz geringer Teil der Islamisten sei auch als gewaltbereit einzuschätzen. „Wir sind keine Hochburg des Islamismus“, sagt Claus Guggenberger, Sprecher des Berliner Verfassungsschutzes. Ähnliche Szenen gebe es im Ballungsraum Rhein-Ruhr, dem Rhein-Main-Gebiet oder Hamburg.

Den Umzug des Terrorverdächtigen Reda Seyam von Baden-Württemberg nach Berlin bezeichnet Innensenator Ehrhart Körting als Einzelfall. Daraus sei keine Tendenz abzulesen, dass Berlin für Islamisten attraktiver geworden ist. Was Berlin für radikale Islamisten interessant macht, ist auf jeden Fall ein muslimisch geprägtes Umfeld. Da bietet Berlin eine gute Infrastruktur mit seiner großen muslimischen Bevölkerung. Rund 100 Moscheen – sämtlicher Ausrichtungen – gibt es in der Stadt. Die Neuköllner Al-Nur-Moschee gilt als Treffpunkt von Islamisten und wurde im Zusammenhang mit den Ermittlungen des Bundeskriminalamtes gegen Ihsan G. durchsucht.

Im Umfeld der Moscheen haben sich zahlreiche Koranschulen etabliert, in denen die Kinder den Koran in arabischer Sprache lernen. Laut einer Studie des Zentrums für demokratische Kultur über Friedrichshain-Kreuzberg ist der soziale Druck auf Jugendliche und Kinder in den letzten Jahren größer geworden, Koranschule und Moschee zu besuchen. Für Kinder saudi-arabischer Diplomaten und Geschäftsleute, die sich vorübergehend in Deutschland aufhalten, ist die König-Fahd-Schule gedacht. Diese Schule dürfen die hier dauerhaft lebenden Moslems allerdings nicht als Ersatz für eine Regelschule besuchen.

Aber die hiesigen Kinder können auch auf eine islamische Grundschule gehen. Die in der Kreuzberger Boppstraße gelegene Schule ist einzügig und geht bis zur 6. Klasse. Die Lehrerin Fereshta Ludin, deren Rechtsstreit um das Kopftuch bis zum Bundesverfassungsgericht führte, zog von Baden-Württemberg nach Berlin, weil sie hier eine Stelle bekam. Außer in Berlin gibt es in Deutschland noch in München eine islamische Grundschule. In den Berliner staatlichen Schulen ist die umstrittene islamische Föderation aktiv. In 37 Schulen bietet sie Islam-Unterricht an, an dem rund 4000 Schüler teilnehmen. Die Organisation will das Angebot noch ausweiten.

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