Berlin : Islamische Föderation willReligionsunterricht erteilen

HANS TOEPPEN

Klage gegen Senatsschulverwaltung / Kriegt man Fundamentalismus in den Griff?VON HANS TOEPPEN BERLIN.Noch in diesem Jahr wird das Berliner Verwaltungsgericht die Tür zum islamischen Religionsunterricht in der Stadt entweder aufstoßen - oder noch stärker verriegeln als bisher.Die "Islamische Föderation" klagt gegen die Senatsschulverwaltung.Sie will Religionsunterricht an den staatlichen Schulen organisieren, ist aber mit der Begründung abgewiesen worden, sie sei lediglich ein "religiöser Verein".Trotz dieses Rechtsstreits hat die Schulverwaltung allerdings steigendes Interesse daran, vor allem den türkischen Kindern endlich religiösen Unterricht anzubieten.Der Senat hofft, auf diese Weise "die fundamentalistische Problemtik etwas in den Griff zu bekommen", die zunehmend aus der Türkei nach Deutschland schwappt.Oder, wie die Ausländerbeauftragte Barbara John sagt: "Wir müssen den Religionsunterricht aus den Hinterhöfen herausholen, wo keine Kontrolle stattfindet".-Alle Vorstöße sind bisher an den Eigenheiten des Islam gescheitert, der keine verfaßten Kirchen im christlichen Sinne kennt.Religionsunterricht ist in Berlin aber im Gegensatz zu den alten Ländern kein ordentliches Lehrfach, sondern "Sache der Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften" selbst.So klagt die Islamische Föderation jetzt erst einmal ihren Anspruch ein, "Religionsgemeinschaft" im Sinne des Berliner Schulgesetzes zu sein.Das gleiche verlangen auch die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" (DITIB), die der türkischen Regierung zugeordnet ist, sowie der Bund der Muslims Berlin e.V.. DITIB und Föderation sind ein Beispiel, wie stark die türkische Innenpolitik und die fundamentalistische Bewegung inzwischen auch im religiösen Bereich nach Deutschland durchschlagen.Die Islamische Föderation steht "Milli Görüs" nahe, der Auslandsorganisation der fundamentalistischen Wohlfahrtspartei des türkischen Ministerpräsidenten Erbakan.Milli Görüs wird im Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministers als extremistisch und gefährlich eingestuft.Die DITIB wiederum war Anfang der 80er Jahre von der Regierung in Ankara als ausdrückliches Gegengewicht zu Milli Görüs gegründet worden.Inzwischen nähern sich unter dem Einfluß des Islamismus allerdings beide einander an. Wie unter diesen Bedingungen islamischer Religionsunterricht an der Berliner Schule organisiert werden könnte, ist niemandem völlig klar.Der Senat sucht zunächst nur einen "vernünftig verfaßten Ansprechpartner", der dem deutschen Verwaltungsrecht entspricht.Die Ausländerbeauftragte Barbara John schlägt vor, die Föderation, die islamischen Kulturzentren und die DITIB sollten sich für diesen Zweck als Träger zusammenschließen.Auf diese Weise könne man den Religionsunterricht "in die Öffentlichkeit holen, die Lehrinhalte diskutieren und die Schulbücher kontrollieren".Johns Zielvorstellung: Ein "Euro-Islam". Ähnliche Vorstellungen hat offenbar der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Berlin, Mustafa Cakmakoglu.Die Religionslehrer sollten in Deutschland ausgebildet werden, sagte Cakmakoglu zum Tagesspiegel, die Unterrichtssprache müsse Deutsch sein.Träger könne nur eine "liberale Organisation" wie die türkische Gemeinde sein.Ziel des Unterrichts müsse auch die Völkerverständigung sein, extreme Bewegungen und Ideen dürften keinen Platz haben. Da ist offenbar viel zu tun.Nach einer Untersuchung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer stimmen 54 Prozent der in Deutschland aufgewachsenen Türken einem islamischen Überlegenheitsanspruch zu, der von einer scharfen Trennung von Gläubigen und Ungläubigen geprägt ist.27 Prozent ziehen Gewalt bei der Durchsetzung religiöser Prinzipien in Betracht.

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