• Islamischer Religionsunterricht ist ein Dauerthema der türkischen Tageszeitungen in Berlin

Berlin : Islamischer Religionsunterricht ist ein Dauerthema der türkischen Tageszeitungen in Berlin

Suzangülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die Berichterstattung der in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.Suzangülfirat

Alteingesessene Istanbuler leiden unter der Anatolisierung und, seit den letzten Jahren, auch unter der Islamisierung ihrer Stadt. Deshalb druckt die auflagenstarke Tageszeitung "Sabah" seit jeher oben auf der Titelseite ihrer Istanbul-Beilage immer die gleiche Zeile: "Denken Sie nicht darüber nach, wo Sie hergekommen sind, sondern daran, wo sie gerade leben. Werden Sie Istanbuler." Das aber scheint vor dem Hintergrund massiver Landflucht immer weniger zu funktionieren. Die Deutschland-Ausgabe von "Sabah" zeigte in der vergangenen Woche Bilder aus der Millionen-Metropole und klagte: "Das ist nicht etwa Teheran. Das ist Istanbul." Im Stadteil Çarsamba - auch bekannt als "Kleiniran" - wachse die Zahl der verschleierten Frauen und der bärtigen Männer mit Turban. Die islamistische Zeitung "Akit", die es seit kurzem an wenigen Kiosken in Berlin zu kaufen gibt, titelte daraufhin zwei Tage später: "Sabah spinnt!" Wie könne die Zeitung so abschätzig über die arme Landbevölkerung in Istanbul berichten.

Über das Thema "Islam" wird auch in türkischen Tageszeitungen in Deutschland regelmäßig berichtet. Seit Beginn des Rechtsstreits um islamischen Religionsunterricht an Berliner Schulen ist es ein Dauerthema. Interessant ist dabei, dass keine der großen Zeitungen - mit Ausnahme der rechtsnationalen "Türkiye" - die Erteilung von Islamunterrichts durch die Islamische Föderation befürwortet. Vor kurzem ließ das Bundesverwaltungsgericht die Revision gegen ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts zu, was den Weg für Islamunterrichts an deutschen Schulen durch die Islamische Föderation ebnete. Daraufhin berichtete Sabah von der "Berufungsfreude in Berlin." Außerdem stellte das Blatt einen Dr. Adnan Aslan von der Universität Tübingen vor, der gerade mit fünf zum Islam konvertierten Deutschen und einem eingebürgerten Pakistani einen "euro-islamischen" Unterricht auf Deutsch vorbereitet. Die national-konservative "Hürriyet" berichtete über die "Freude in der Senatsschulverwaltung." Auch in ihren Artikeln kommen nur die Gegner eines Islamunterrichts der Islamischen Föderation vor. Zu einer Diskussions-Veranstaltung über die Einführung eines Islamunterrichts in Baden-Württemberg stellte "Hürriyet" die ironische Frage: "Warum dieses Interesse?" Vor allem Deutsche und Islamisten wünschten sich sehnlichst, daß der Islamunterricht bald beginne, so "Hürriyet". Weiter wird der türkische Generalkonsul von Stuttgart zitiert, der den Islamunterricht am liebsten unter seine Obhut nehmen wolle: : "Die türkischen Kinder haben viel mehr muttersprachlichen Unterricht nötig als einen Islamunterricht. In Baden-Württemberg erteilen viele islamische Gruppen politisch motivierten Unterricht. Mit den Vertretern antilaizistischer und undemokratischer Organisationen können keine Verhandlungen geführt werden. Im Türkischunterricht und den Kursen über die türkische Kultur wird sowieso auch die Religion vermittelt". Mit letzterem ist der Unterricht gemeint, den die Konsulate anbieten. Außerdem macht der Konsul darauf aufmerksam, dass "in dem Bundesland 90 Prozent der moslemischen Kinder türkischer Abstammung sind."

Die rechtsnationale Zeitung "Türkiye" dagegen setzt den Schwerpunkt auf die Feststellung, daß "in Berlin 30 000 moslemische Kinder leben" und "die islamische Föderation bereits per Gerichtsbeschluss die Befugnis bekommen hatte." Doch nimmt man die Auflagezahl der Zeitungen als Maßstab für die Meinung der Türken in Deutschland, kann man davon ausgehen, dass sie mehrheitlich für einen am Laizismus orientierten islamischen Religionsunterrichts sind. Die Anzahl der Gegner und Befürworter eines deutschsprachigen beziehungsweise türkischsprachigen Unterrichts hält sich demnach die Waage.
© 1999

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