Berlin : Islamisten sind auch Gaddafis Feinde

Birgit Cerha

"Staats-Terrorismus ist eine Form der Kriegsführung. Es ist unmöglich, tatenlos zuzusehen, wie sie gegen dich den Krieg erklären und vorzugeben, dass du weiterhin in Frieden lebst." Die USA "werden niemals passiv zusehen, wie unsere unschuldigen Bürger von jenen ermordet werden, die unserem Land Schaden zufügen wollen." Mit diesen Worten begründete der damalige US-Präsident Ronald Reagan die Bombardierung der libyschen Hauptstadt Tripoli und der Hafenstadt Benghazi im April 1986. Staatschef Muammar Gaddafi war das Ziel, den Reagan für den Terroranschlag auf die häufig von US-Soldaten besuchte Berliner Diskothek "La Belle" verantwortlich machte.

15 Jahre nach dem Terrorakt will sich der so lange international geächtete Libyer an einer Front mit seinem langjährigen Erzfeind USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus sehen. Nach den Anschlägen in New York und Washington beeilte sich Gaddafi, dem "amerikanischen Volk" sein tiefes Mitgefühl über diese "grauenvollen" Taten zu bekunden und versprach US-Präsident Bush Unterstützung im "Krieg gegen Terrorismus".

Zwar kritisiert Gaddafi nachdrücklich die amerikanischen Luft-Angriffe auf Afghanistan. Dennoch weist das offizielle Libyen immer wieder darauf hin, dass ihn nun ein gemeinsamer Feind mit den USA verbinde. Saif al-Islam Gaddafi, zweiter der vier Söhne und des Wüstenherrschers, bekräftigte unterdessen bei einem Besuch Berlins Libyens Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft. Und er verbindet seine Worte mit Taten. Die von ihm geleitete Gaddafi-Stiftung will offenbar den Angehörigen der Opfer des "La Belle"-Anschlages Entschädigungszahlungen anbieten, wie Tripolis dies bereits mit Paris und London in anderen Terrorfällen getan hatte. Auf diese Weise hofft Libyen, endlich das Image des "Schurkenstaates" abzuschütteln und vor allem von Europa als vollwertiger Wirtschaftspartner akzeptiert zu werden.

Und Gaddafi setzt noch eine Geste des guten Willens. Seit vielen Wochen bemüht sich der Sohn des Diktators, die Freilassung der acht am 3. August in Kabul festgenommenen Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Shelter Now", darunter vier Deutsche, zu erwirken. Seine Stiftung, die weltweit "islamische Interessen" finanziell fördert, zählt seit Jahren auch die Taliban zu ihren "Klienten". Diese sollen sich schon vor dem 13. September direkt an ihn um Vermittlung gewandt haben. Die Verhandlungen seien aber seit den US-Luftangriffen auf Afghanistan ins Stocken geraten.

Vor einem Jahr war dem jungen Libyer ein diplomatischer Coup gelungen, als er die Freilassung einer Gruppe von den Abu-Sayyaf-Rebellen auf den Philippinen festgehaltenen westlichen Geiseln, darunter auch Deutsche, erreichte und dafür Millionen von Dollar gezahlt haben dürfte. Die Aktion öffnete Gaddafi wieder das Tor in die westliche Welt. Außenminister Joschka Fischer flog als Dank nach Tripoli. Andere westliche Minister folgten.

Die Kehrtwende erfolgt nicht ohne Grund. Im Oktober übergab Libyen den Amerikanern eine Namensliste von etwa einem Dutzend "Libyschen Mudschaheddin", die mit Bin Laden in Afghanistan kämpften. Zu ihnen zählten auch Angehörige der "Libyschen islamischen Kampfgruppe" (IFG). IFG-Aktivisten hatten in der Vergangenheit eine Serie von Terrorattacken in Libyen ausgeführt, darunter zwei Attentatsversuche gegen den Staatschef. Sie wollten den Mittelmeerstaat "in ein talibanisches Emirat" verwandeln, warnt ein libyscher Diplomat.

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