Ist Berlin noch ganz dicht? : Von der Doofheit der Metropole

Erst ist Berlin am Morgen nach dem Pokalfinale wegen eines Radrennens gesperrt, und dann ist auch noch die Avus auf einen Fahrstreifen eingeengt. Matthies meint: So doof sind nur die ganz großen Großstädte!

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Während des Radrennens war die Stadt am Sonntag weiträumig gesperrt.
Während des Radrennens war die Stadt am Sonntag weiträumig gesperrt.Foto: dapd

Im Grunde reicht es, die beiden Worte „Autofahrer“ und „Radfahrer“ in die Runde zu werfen – schon kochen die Emotionen hoch. Das liegt, wenn ich das als Mitglied beider Lager mal mutmaßen darf, an einer grundlegenden Unsymmetrie der Diskussion: Die einen fühlen sich als Parias und fahren für viel Geld und mit häufig schlechtem Gewissen, die anderen wähnen sich im Einklang mit dem Zeit- und Weltgeist und halten ihr Tun für so prallvoll mit Richtigkeit, dass ihnen jegliches Verständnis für die andere Seite abgeht. Es ist praktisch, als würden Atomkraftwerke und Windräder nebeneinander an der Ampel stehen, das kann nur knallen.

Typisch für diese Gemengelage ist, dass ein Autohersteller in Selbstkasteiung eine Fahrradveranstaltung ausrichtet, die die Berliner Innenstadt inkl. Autobahnen für den Autoverkehr komplett lahmlegt. Warum nur? Ich kann auch nach langem Nachdenken wenig zur Sinnhaftigkeit des Velothons sagen. Sportlich gibt es absolut nichts her, und es scheint mir auch extrem unwahrscheinlich, dass sich jemand einen Skoda kauft, weil ihm diese Firma an einem schönen Maisonntag das Autofahren so effektiv verleidet.

Was aber in Berlin einmal massenhaft angefangen hat, hört nicht wieder auf, sondern erwirbt beim zweiten Mal quasi Verfassungsrang. Der unfassbare Blödsinn, dass man eine Großstadt am Morgen nach dem Pokalendspiel komplett sperrt, während gleichzeitig die wichtigste Ausfallstrecke, die Avus, auf einen Fahrstreifen eingeengt ist, schlägt insofern in eine stolze Botschaft um: So doof sind nur die ganz großen Großstädte!

Dafür können allerdings die Radler nichts. Sie müssen radeln, und wenn sie die Möglichkeit haben, das Schulter an Schulter mit Gleichgesinnten zu tun, dann tun sie das auch. Was mich nach Lektüre der Kommentare in unserem Internetforum nicht mehr überrascht, ist die typische Radfahrerperspektive, die ein Leben ohne Rad nicht kennt. Behinderte und Betagte und sonst wie Bewegungsunfähige und ihre Bedürfnisse kommen darin nicht vor. Wer zaghaft anmerkt, er habe mit seiner 80-jährigen Großmutter an diesem Sonntag aufs Land fahren wollen, der hört die knappe Replik, die Oma könne sich ja auch ein anderes Wochenende aussuchen. Und die Pokal-Rückkehrer hätten ja auch mit dem Rad aus Duisburg kommen können, oder?

Ach, es wäre durchaus Platz für friedliche Koexistenz beider Lager. Allerdings müsste die Politik dafür gelegentlich eingreifen. Und sich nicht nur voller Begeisterung über die vielen Menschen einen ruhigen Sonntag machen.

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