Ist Familie Luxus? : Das ganz alltägliche Theater

Eltern bringen in Neukölln Konflikte zwischen Familie und Beruf auf die Bühne. Die Stücke sind nicht fertig, das Publikum kann mitspielen.

Susanne Thams
Wie im richtigen Leben. Ihre Erfahrungen mit der Schwierigkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, bringen Eltern in Neukölln als Laienschauspieler auf die Bühne. Die letzten Proben sind gelaufen, heute ist die Aufführung. Fotos: Uwe Steinert
Wie im richtigen Leben. Ihre Erfahrungen mit der Schwierigkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, bringen Eltern in Neukölln als...Foto: uwe steinert

Linda steht vor einem Problem. Blass und mit leerem Blick sieht sie die Sachbearbeiterin des Jobcenters an, gestikuliert beim Reden mit den Händen in der Luft, während sie versucht, ihre schwierige Situation deutlich zu machen. Sie sei im Bioladen zwar fest angestellt, aber der Lohn reiche zum Leben nicht und ihr Freund bekomme als Freiberufler nur unregelmäßig etwas aufs Konto. Die Frau vom Amt schüttelt den Kopf. „Es fehlen Unterlagen“, sagt sie monoton und sieht in den Ordner. „Wir können Ihnen keine Leistung bewilligen, wenn wir die Grundlage nicht berechnen können.“ Linda sieht sie flehend an: „Wir haben einen kleinen Sohn.“ „Ich würde Ihnen raten, dass sie sich beide einen festen Job suchen“, sagt die Sachbearbeiterin abschätzig.

„Einfrieren!“, ruft Theatermacher Harald Hahn von unten auf die Bühne. Die Laiendarsteller des Legislativen Theaters Berlin halten kurz inne – dann ist die Probe für die Szene „Ist Familie Luxus?“ vorbei. „Sehr schön!“, jubelt Hahn mit gezielter Intonation und kräftiger, hoher Stimme, der die jahrelange Theaterarbeit anzumerken ist. Im Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Kreuzberg finden die Proben für das Stück „Der Job, die Zeit, das Kind“ statt, das am heutigen Mittwoch im Heimathafen Neukölln aufgeführt wird.

Foto: uwe steinert

„An dieser Stelle könnten wir das Publikum einbeziehen, indem wir fragen: Was würden Sie in Lindas Situation machen?“, erklärt Hahn das Prinzip des Forumtheaters. Es geht darum, in Dialog mit den Zuschauern zu treten. „Es gibt auch die Möglichkeit, dass ein Besucher eine Figur aus der Szene übernimmt und deren Rolle aktiv verändert.“ Mitmachzwang bestehe aber nicht, sagt Hahn.

Sechs Berliner Mütter und ein Vater bringen in dem Stück Alltagsprobleme zwischen Kindern und Karriere auf die Bühne. Die Szenen sind an einem Wochenende gemeinsam entwickelt worden, an drei weiteren Tagen wird nun geprobt. Das von ihnen entwickelte Script gibt nur Eckpunkte vor, der Text ist improvisiert.

Die 31-jährige Jasbir Ghai, eine zierliche Frau, spielt die verständnislose Sachbearbeiterin. Sie selbst weiß aus ihrer beruflichen Praxis als Sozialarbeiterin, wie schwierig die Kommunikation mit den Behörden sein kann. „Wenn man nicht in bestimmte Standards passt, fällt man durchs Raster“, sagt sie. Ihre privaten Erfahrungen dagegen hat sie in die Figur der Linda, auf der Bühne ihre Gegenspielerin, einfließen lassen. Jasbir Ghai, Mutter von zwei Kindern, ist fest angestellt, ihr Partner arbeitet projektbezogen. „Wir müssen funktionieren“, sagt sie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und in ihrem Ton schwingt Bedauern mit. Holger Klemm ist der einzige Mann in der Runde. Eigentlich, sagt er, habe er keine Zeit, um bei diesem Projekt mitzumachen. Seine Freundin arbeitet im Schichtbetrieb, er selbst ist Freiberufler und zu Hause wartet ein Kind. Aber genau deswegen habe er sich dann doch zum Mitmachen entschlossen. „Außerdem tun Männer sich schwerer, das Private nach außen zu tragen“, sagt Harald Hahn, der gemeinsam mit seinem Kollegen Jens Clausen das Projekt leitet.

Am Mittwoch werden Vertreter von Familienverbänden, des DGB und des Unternehmensnetzwerks „Erfolgsfaktor Familie“ sowie Staatssekretär Rainer-Maria Fritsch (Linke) im Publikum sitzen. Denn die Probleme von Berliner Familien – kranke Kinder, prekäre Arbeitsverhältnisse, Existenzangst – sollen auch Anstoß für eine politische Diskussion sein. „Die Szene beim Amt soll provozieren, kontrovers sein“, sagt Theaterleiter Hahn. „Alle schimpfen immer aufs Amt, aber an dem Abend ist die Politik vertreten und kann widersprechen oder kommentieren.“

Foto: uwe steinert

Darstellerin Valeria Deisler ist durch eine Anzeige des Legislativen Theaters auf das Projekt, das aus Stiftungsgeldern finanziert wird, aufmerksam geworden. In ihrer Rolle steht sie in einer weiteren Szene einem Paar zur Seite, das sich bei der Organisation von Kinderbetreuung und beruflichen Terminen zu streiten beginnt. Für sie wird es am Mittwoch der erste große Auftritt vor Publikum sein. „Warum sehen Arbeitgeber Mütter sofort als ein Problem an, nur weil sie von den Arbeitszeiten der Kinderlosen abweichen?“, fragt die 41-Jährige. „Vor allem wir Alleinerziehende haben einen schlechten Ruf. Dabei haben wir eine Extraportion Organisationstalent – und Power.“ Ein Thema, das sie gerne diskutieren würde.

Das legislative Theater

Lösungen bietet das Stück nicht an. Und der Ausgang der Aufführung bleibt offen – trotz aller Proben. „Der hängt ganz vom Publikum ab“, sagt Harald Hahn. „Es wird auf jeden Fall überraschend.“

„Ist Familie Luxus?“, heute, 20 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141. Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro.

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