Berlin : Ist Religion Privatsache?

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Betrifft: „Integration durch IslamUnterricht“ vom 13. März 2005 und „Kirchen-Kampf in Spandau“ vom 11. März 2005

Jetzt endlich, nachdem sich die Verhältnisse in deutschen Großstädten grundlegend verändert haben, wollen Sozialisten und Sozialdemokraten einen Lebenskunde-Ethik-Religions-Pflichtunterricht. Das ist eine große Wende. Die Kinder der Stadt sollen die alten Glaubenstraditionen begreifen und ihre familiären Glaubenshaltungen im Kreis derer, die mit anderen Überzeugungen aufwachsen, ins Gespräch bringen.

Aber dies ist nur der erste Akt einer überfälligen Wende. Der zweite muss vollzogen werden von den großen Kirchen, die vor einem halben Jahrhundert, als unser gutes Grundgesetz geschrieben wurde, noch Alleinvertreter des religiösen Glaubens waren. Wie anders jetzt unsere Städte aussehen, konnten die Väter unseres Grundgesetzes gar nicht ahnen. Die großen Kirchen haben sich in den letzten Jahren vehement auf ihre im Grundgesetz verankerte Rolle berufen: „Nur wir können es richten!“ Als hätten andere, tausende Lehrer der Stadt, nichts zu glauben und nichts zu bekennen.

Der Kampf der Großkirchen gegen einen für alle Schüler verbindlichen Religionskundeunterricht, für einen extra-kirchlichen Unterricht, steht noch auf der Stufe, auf der vor 50 Jahren Sozialisten behaupteten: Religion ist Privatsache! Denn eben dieses „Religion-ist-Privatsache“-Bewusstsein wird durch den kirchlichen Sonderunterricht bestätigt: In den Eckstunden gehen jeweils ein paar Schüler zum Unterricht ihrer Konfession, und der Rest der Klasse schließt daraus: Das ist Privatsache.

Beträchtlich ist der Kollateralschaden, den der kirchliche Kampf um eigenen Religionsunterricht gebracht hat. Denn nun kommen auch höchst dubiose Vertreter fundamentalistischer Religionen mit gleichem Anspruch wie die Kirchen in die Schulen und bekräftigen die Zersplitterung der Gesellschaft.

Es wird Zeit, dass die Großkirchen über die Finanzierungsschwierigkeiten ihres Unterrichts hinaus ihre Verantwortung für die Gesellschaft begreifen. Sie sollten erkennen, dass ein nochmaliger Weltanschauungs-Indoktrinierungsstaat nicht verhindert wird durch kirchliche Minirechte an Schulen, sondern durch politische Mitwirkung, Wachsamkeit gegen jeden autoritären Staat.

Noch unzureichende Konzepte, Mangel an geeigneten Lehrern und gelegentliches Gerede von „Relativierung“ der eigenen Religion sollten allerdings nicht genutzt werden, um die für unser Land längst überfällige Wende aufzuhalten.

Emil Cauer, Berlin-Mitte

Sehr geehrter Herr Cauer,

ich teile Ihre Einschätzung, dass die Einführung von Werte vermittelndem Unterricht an den Berliner Schulen dringend geboten ist. Die SPD und die PDS in Berlin wollen aber keineswegs „Religion in der Schule“. Eher im Gegenteil: Immerhin wird gesagt, das geplante verbindliche Unterrichtsfach solle die Herkunftsreligion der Kinder oder Jugendlichen relativieren. Der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD, Michael Müller, geht davon aus, dass in Zukunft der Religionsunterricht mangels Schüler „austrocknet“ und sieht darin eine Finanzierungsmöglichkeit für das neue Fach. Religionsunterricht ist mehr als Wissensvermittlung: Die Schülerin und der Schüler sollen lernen, sich eine eigene Überzeugung zu verschaffen und darin zu leben. Dazu brauchen sie Vorbilder. Dies ist dem Staat wegen der Neutralitätspflicht verwehrt. Schülerinnen und Schüler haben nach dem Grundgesetz ein Recht auf Religionsfreiheit. Dazu gehört, dass sie lernen, diese Freiheit zu gebrauchen und einen konfessionellen Unterricht zu wählen. Religionskunde – wie sie Bestandteil von „Lebensgestaltung-Ethik-Religion“ wäre - setzt dieses Grundrecht auf Religionsfreiheit nicht um. Freiheit ist nicht nur die Freiheit von etwas, sondern auch die Freiheit, etwas tun zu dürfen. Berlin will die individuelle Religion durch eine staatliche „Pflicht-Werte-Überzeugung“ ersetzen. Dieses Ansinnen ist nach zwei Diktaturen in der jüngeren deutschen Geschichte erschreckend. Deshalb garantiert das Grundgesetz den Religionsgemeinschaften, den Inhalt ihres Glaubens und seiner Wertorientierung in der öffentlichen Schule zu vermitteln. So können die Kirchen ihrer öffentlichen Verantwortung gerecht werden. Der Glaube ist zwar etwas sehr Persönliches, aber keine Privatsache. Er vermittelt eine Orientierung, die auch in die Gesellschaft hinein wirkt.

114 000 Kinder nehmen in Berlin am evangelischen und katholischen Religionsunterricht teil. Von „kirchlichen Minirechten“ kann hier wohl nicht geredet werden. Durch Wahl- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Fächern kann dem Grundrecht auf Religionsfreiheit und dem Auftrag der öffentlichen Schule entsprochen werden. So können Kenntnisse und Orientierung vermittelt, Begegnung und Toleranz zwischen Religionen und Weltanschauungen gefördert werden. Dafür treten die Evangelische und die Katholische Kirche ebenso wie die Jüdische Gemeinde zu Berlin ein.

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Seelemann ist Präsident des Konsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Berlin.

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