• It was a Sony!: Auf dem Potsdamer Platz tobt das Leben, aber im Keller sieht es düster aus

Berlin : It was a Sony!: Auf dem Potsdamer Platz tobt das Leben, aber im Keller sieht es düster aus

Matthias Oloew,Lars von Törne

Als vor gut einem Jahr der "Entertainmentbereich" im Sony Center eröffnet wurde, war die Euphorie von Betreibern und Besuchern groß. So also sollte sie aussehen die schöne, neue Unterhaltungswelt von Morgen: Neben einem Multiplex-Kino und der dreidimensionalen Imax-Show wurde vor allem die Music Box als technisches Wunderland gepriesen, als kleiner Freizeitpark im Herzen des Neuen Berlin. Aber die Halbwertzeiten moderner Volksbelustigung sind kurz. In einer Woche nun wird die Music Box am Potsdamer Platz nur noch ein Projekt der Vergangenheit sein. Am kommenden Dienstag, so verkündete der Sony-Konzern jetzt, können die Besucher zum letzten Mal in der Music Box das Philharmonische Orchester dirigieren, sich an klingenden Seifenblasen erfreuen oder die Wasserharfe spielen.

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Am 21. Februar wird die Music Box geschlossen, sagt Sony-Sprecherin Karin Püttmann. Zu den Gründen allerdings schweigt sie sich aus. Waren es die mangelnden Besucherzahlen, die offensichtlich weit hinter der Zielmarke von 600 000 pro Jahr zurückblieben? Stimmte das inhaltliche Konzept nicht? Hat der Unterhaltungsgigant mit den millionenschweren Investitionen aufs falsche Pferd gesetzt, wie Kenner der Branche sagen? "Die Schließung ist keine Folge zu geringer Besucherzahlen", sagt Püttmann nur. Und: "Das Konzept wurde positiv aufgenommen." Wie viele Besucher die Music Box konkret hatte, will sie jedoch nicht verraten. Das sei aber auch nicht von Belang, denn der Grund für die Schließung sei schlicht, "dass sich die Idee von Entertainment in der Music Box nicht in unserer Richtung entwickelt hat." Auch sonst bleibt die Sprecherin vage. "Das Projekt war Teil unseres Entertainmentkonzepts, in dessen Rahmen wir permanent neue Projekte entwickeln", sagt sie.

Mit der Erlebnis-Box, in der Musik in all ihren Facetten erlebbar ist, hatte Sony nach San Francisco sein weltweit zweites Entertainment-Center eigens auf Berlin zugeschnitten. Partner für das Projekt waren neben den Berliner Philharmonikern und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe die Beatles. Das 1,5 Milliarden Mark teure Stadtviertel des japanischen Elektronikkonzerns ist nach "Daimler-City" das zweitgrößte Bauprojekt am Potsdamer Platz. Den Mittelpunkt des nach den Plänen von Helmut Jahn gebauten Sony Centers bildet ein 4000 Quadratmeter großes, überdachtes Forum.

Schon bald solle dort eine neue Attraktion die Music Box ersetzen, kündigt Püttmann an. Aber auch hierzu gibt es keine konkrete Auskunft. Nur so viel: "Die Music Box hat sich für uns rentiert, weil wir neue Ideen entwickelt haben." Von Anfang an, so Püttman war es "als Möglichkeit in dem Projekt eingeschlossen, dass die Music Box nach einem Jahr wieder geschlossen wird." Davon allerdings war bei der Eröffnung vor einem Jahr keine Rede. Für den Besucher ist das obendrein schwer nachvollziehbar. Warum sollte ein Konzern in eine Freizeitattraktion mit aufwendigen technischen Finessen investieren, wenn nach einem Jahr schon alles wieder passé ist?

Auch die 68 Mitarbeiter der Music Box, die im Januar kurfristig über das bevorstehende Aus informiert wurden, erwischte der Schließungsplan kalt. "Das war ein harter Schlag", erzählt ein Mitarbeiter. Davon, dass das Projekt Music Box von Anfang an befristet war, habe ihm niemand etwas erzählt, als er seinen Arbeitsvertrag unterschrieb. "Vor allem die festen Mitarbeiter, die Kinder haben, haben große Angst um ihre Zukunft." Die meisten Beschäftigten der Music Box haben allerdings befristete Verträge, die Ende März allemal ausgelaufen wären, wie Sprecherin Püttmann sagt. Für alle anderen gebe es einen Sozialplan. Den Ärger der Mitarbeiter über die bevorstehende Entlassung dämpft das jedoch kaum. "Ich dachte, ich bin hier bei einem Weltkonzern" schimpft einer, "und nicht bei einem kleinen Tante-Emma-Laden."

Skeptiker sehen in dem Aus für die Musik-Box ihre Zweifel am gesamten Entertainment-Konzept im Sony-Center bestätigt. Denn auch das Cine-Star-Multiplex-Kino im Keller bleibt hinter den Erwartungen der Betreiber zurück. Das Kino mit seinen acht Sälen und rund 2400 Sitzplätzen laufe "nicht perfekt" sagte Cine-Star-Chefin Marlis Kieft dem Branchenblatt "Blickpunkt: Film". In der Branche wird das als deutliches Eingeständnis gewertet, dass sich das Kino - eines der schönsten der Stadt überhaupt - für seine Betreiber nicht rechnet. Allerdings verfügen die Geschwister Marlis und Heiner Kieft, die zusammen mit dem australischen Unterhaltungskonzern Greater Union hinter der Kinokette Cine-Star stehen, über einen sehr langfristigen Mietvertrag mit Sony, nicht nur über die acht Kinosäle, sondern auch über das Imax-Theater im gleichen Haus.

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