Berlin : Italien in St. Canisius

Thomas Lackmann

Auf der Flucht vor dem die Stadt und den Erdkreis penetrierenden WM-Gedöns. Ins Kirchenasyl? Ach, St. Hedwig, die kugelige Kathedrale, präsentiert zur Bekehrung gewaltbereiter Touris pastorale Stelltafeln („Auf Tore schießen statt auf Menschen!“). Allgemeine Menschheitsumarmung wird schon auf dem Vorplatz der Kirche gepredigt, wo 142 internationale „Buddybären“ die an diesem Ort seit Jahr und Tag durch Baustellen, Eisbahnen etc. amtlich praktizierte Verhöhnung des unterirdischen Bücherverbrennungs-Denkmals „Bibliothek“ mit infantilen Mitteln fortsetzen.

Frieden jenseits der Stimmungskanonen findet der Fifa-Flüchtling erst am City-Rand. St. Canisius in Charlottenburg ist neuestens für Besucher geöffnet. 1995 war der Kirchenbau von 1955 abgebrannt; nun verblüfft er, Phönix aus der Asche, als kühner Neubau in Kirchenaustritts-Zeiten. Der Boden: Marktplatzpflaster. Die Wände: Glas und Beton. Ein abstraktes Gemälde, Gold auf Gold. Oben an der Rückwand der Corpus eines Kruzifixus. Ein karger Raum. Doch seit wenigen Wochen gibt es hier ein richtiges Bild, die Leihgabe eines greisen Prälaten. Es ist so alt wie die Gemälde in St. Marien am Alex, aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, wohl das älteste Auferstehungs-Bild in einer Berliner Kirche, Ecole Ramazzani (1530-1598) zugeschrieben. Im Hintergrund ein Stück Italien: Berg, See, Wald, Städtchen, Vögel, Wölkchen. In der Bildmitte, vor einem geschlossenen (!) Sarkophag und einer Höhle, der weiß leuchtende Todesbezwinger. Komisch wirkt in dieser Szene das gepanzerte, kokett kostümierte Team der Grabbewacher, eingesetzt, die radikalste aller Verwandlungen zu verhindern. Einer döst, einer ficht im Traum, einer glotzt und sieht nichts, einer starrt auf die Segenshand des gottmenschlichen Astralleibes. Die Ordnungsverwalter spiegeln das Verhalten der Bild-Betrachter – und zeigen, wie Amtspersonen und andere gute Bürger auf eine Überraschung, ein Denkmal, ein Kunstwerk, auf ein Geheimnis reagieren.

St. Canisius, Witzlebenstraße 30: geöffnet So. 15 bis 18 Uhr, Mo. bis Sa. (außer Fr.) von 11 bis 15 Uhr.

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