Berlin : Italienisch für Anfänger

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Von Vivien Leue

Italienisches Flair in Berlin – klar, das gibt’s doch bei Giovanni, dem netten kleinen Italiener um die Ecke und der Franco vom Pizza-Service hat stets die besten Tipps für den nächsten Italien-Trip parat. Aber italienisch übernachten – und das mitten in Berlin? Was darf man sich da denn vorstellen? Ein kleines Castello, Möbel aus der Medici-Ära und samtbezogene Fürstensessel?

Das Jolly Hotel Vivaldi zeigt genau das Gegenteil. Direkt am Bahnhof Friedrichstraße gelegen hat es am Montag im Herzen Berlins seine offizielle Eröffnung gefeiert. Antipasti, Caprese, Vino – zum Festschmaus gab es alles, was das Herz begehrt. Nur das italienische Flair, das suchte man fast vergebens.

Bereits die freundlich lächelnden Mitarbeiter der Rezeption begrüßen einen lieber mit „Guten Tag“, als „Buon Giorno“, denn das mit dem Italienisch klappt noch nicht so ganz. „Aber wir haben auch ein paar italienische Mitarbeiter“, so sagt man. Der „Front Office Manager“ aber heißt Alexander Wieberneit und hat außer den dunklen Haaren leider nichts Italienisches. Aber was ist schon italienisch? „Wir haben das Hotel sehr hell gestaltet – und das ist italienisch“, sagt der Hotel-Direktor Armando Fioretti. Er ist geborener Italiener, hat in den Jolly Hotels in Mailand, Bologna und Parma gearbeitet und besitzt noch den charmanten italienischen Akzent. Hoffentlich verliert er ihn nicht so bald.

Auch Domenico di Pasquale, der „Chef of Restaurants“ stammt aus dem Land der Olivenbäume und herrlich aromatischen Tomaten und verspricht in seinem Gourmet Restaurant „Vivaldi“ ganz viel italienisches Flair. „Wir wollen hochklassigen Service bieten, aber nicht so steif sein wie die Deutschen“, sagt di Pasquale. Dafür haben sie auch extra „ein paar Leute aus Italien“ eingestellt. Das ist gut so, denn wie soll man italienisches Flair erzeugen mit lauter deutschen Mitarbeitern? Auch das Interieur an sich strahlt klassische Modernität aus, aber nicht das gemütliche südländische Flair, das man bei Italienurlauben so zu schätzen weiß. Heller Marmor, jede Ecke der Eingangshalle ist ausgeleuchtet, zwischendrin stehen dunkle Holzklötze, umrahmt von ebenfalls dunklen Holzsesseln. „Klare Linien – auch das ist italienisch“, weiß wieder einmal der Hotel Direktor Armando Fioretti. Die Innengesalter aber kamen aus Deutschland. „Urige Gemütlichkeit, das ist vielleicht auch etwas fehl am Platz, denn immerhin sind wir ein Business-Hotel“, heißt es aus der Sales-Abteilung. Vier Sterne Plus hat das Haus in der Friedrichstraße und ist mit 254 Zimmern nicht gerade klein. Es gibt verschiedene Meeting-Räume, die die moderne Kühle auf eine Spitze treiben, die schon an Sterilität grenzt.

Aber immerhin: Wer aus den Fenstern schaut, hat das lebendige Treiben Berlins vor Augen. Die Zimmerpreise liegen zwischen 140 und 240 Euro, die Präsidentensuite kostet bis zu 520 Euro pro Nacht. Damit reiht sich das Hotel in die Preiskategorie des Hiltons, Interconti oder anderer Hochklasse-Hotels der Stadt ein.

Bleibt die Frage, ob Berlin ein weiteres Hotel angesichts rückläufiger Touristenzahlen überhaupt braucht. „Wir haben für dieses Jahr schon eine Auslastung von 42 Prozent“, freut sich die Sales-Abteilung und ist sicher, dass sich das Haus schnell etablieren wird. Denn: „Wir sind ein Hotel mit italienischem Touch“. Doch wo dieser italienische Touch zu finden ist, das weiß im Jolly Hotel Vivaldi keiner so genau. Hin und wieder begegnet man einem Giovanni, Giuseppe oder einer Angela. Und vielleicht geben die auch gute Tipps für den nächsten Italienurlaub. Aber vermutlich holen sich die meisten solche Reise-Empfehlungen lieber bei ihrem Italiener um die Ecke. Das Jolly Hotel Vivaldi ist dann doch eher ein Ort für Business-Reisende.

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