Berlin : Italienisch wählen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Als Vater einer dreijährigen Tochter und Ehemann einer Italienerin komme ich dieser Tage irgendwie nicht von Silvio Berlusconi los. Der Mann beschäftigt mich. Wie muss es da erst den Italienern gehen, denen sich der Ministerpräsident sogar während der Verkehrsnachrichten im Autoradio mit Wahlwerbung aufdrängt. Mein Interesse ist da eher von den Erfahrungen des Erziehers gesteuert. Ich beobachte auffällige Parallelen zwischen Berlusconi und dem Entwicklungsstadium meiner Tochter Emma.

Nach dem ersten Fernsehduell mit seinem Herausforderer, dem etwas drögen Professor Romano Prodi, beklagte sich der Medienprofi und ehemalige Kreuzfahrten-Conférencier in dieser Woche bitter über die kurz bemessenen Redezeiten. Er sei ein Mann, der aus dem Herzen spreche, damit ihn auch das Volk verstehe – da brauche man einfach etwas mehr Zeit, um komplexe politische Themen rüberzubringen.

Emma kann genauso wenig die Uhr lesen wie Berlusconi. Auch sie trägt ihr Herz auf der Zunge, aber sie bringt ihre Themen viel schneller rüber. In der Kita sagte sie zum Beispiel letzte Woche zu ihrer Freundin Chiara, der Tochter eines schwergewichtigen italienischen Restaurantbesitzers: „Dein Papa hat einen dicken Bauch.“ – „Ich weiß“, antwortete Chiara. „Der isst ganz viele Nudeln“, mutmaßte Emma. Chiara widersprach: „Nein, der trinkt viel Bier und Wein.“

Emma ist jetzt in dem Alter der Rollenspiele. Vorzugsweise gibt sie sich als Prinzessin aus, manchmal ist sie aber auch die böse Schwester vom Aschenputtel oder die Hexe aus Schneewittchen. Auch da hat sie etwas mit Berlusconi gemeinsam. Der italienische Ministerpräsident hat sich schon mal als Heiland ausgegeben. Wie Jesus trage er eine große Last für sein Volk in der Mission, das Land von den Kommunisten zu befreien. Bleibt die Sonntagsfrage: Wie viele Italiener Jesus wählen würden, wenn am kommenden Sonntag die Wahl wäre.

Pizzabäcker aufgepasst: Am 3. April treffen Berlusconi und Prodi zum zweiten Rededuell aufeinander, am 9. April wird gewählt.

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