Berlin : ITB 2001: Beruf: Eingeborener

Guido Egli

Halle 23a, Papua-Neuguinea: Mit Federhut auf dem Kopf, gelber Farbe im Gesicht und Knochen am Lendenschurz überreicht der Ureinwohner seine Business Card. Willy Eiya, Stamm der Huli, Postfach 371, Papua-Neuguinea steht drauf. Dazu eine Mailadresse und eine Website.

Willy ist die Hauptattraktion am Stand seines Landes an der ITB. "Berlin beautiful", sagt er, strahlt und streckt die Daumen in die Höhe. Zuhause ist Willy Touristenführer und bevorzugt Jeans und Hemd als Kleidung. Davor war er Lastwagenfahrer. Aufgewachsen ist er im Dschungel. Seit er seine Herkunft zum Beruf gemacht hat, reist er als professioneller Eingeborener um die ganze Welt. Stolz zählt er die Touristikfachmessen auf, die er schon besucht hat: Helsinki, Madrid, Stuttgart, New Orleans, Singapur, Paris, München, New York. Zur ITB kommt er seit 1986 jedes Jahr. Er war auch da, als die Mauer fiel, nahm sich ein Taxi und schaute sich die Sache an. 60 Mark habe er dem Taxifahrer hinblättern müssen, erinnert er sich empört. Im Allgemeinen findet er die Deutschen freundlich und hilfsbereit. Bloß das Essen hier missfällt ihm: zu schwer, zu viel auf dem Teller.

Kontext:
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Halle 20, Südafrika: Arm in Arm mit einem Besucher lächelt Lilly Mokoene in die Kamera. Mit ihrem farbenfrohen Gewand, dem hoch getürmten Koptuch und den strahlend weißen Zähnen ist die Südafrikanerin ein beliebtes Fotomotiv. Sie trägt eine Original-Mokhuku-Tracht, wie man sie auch im Feriendorf Gaabo Motho, das sie gemeinsam mit ihrem Gatten betreibt, bestaunen kann. In Gaabo Motho, sagt sie, könne man bei echten Kriegstänzen zugucken, sich vom Medizinmann die Zukunft vorhersagen lassen und die Malereikunst nach Art der Ndebele erlernen. Alle Zimmer hätten Minibar und Fernseher. Die Unternehmerin ist in der Millionenstadt Pretoria aufgewachsen und hat ursprünglich Heilpädagogin gelernt. Auch sie hat schon reichlich Messeerfahrung gesammelt, aber in Deutschland war sie noch nie. Und noch eine Premiere: "Ich habe heute zum ersten Mal in meinem Leben Schnee gesehen."

Halle 6, Deutschland: Die Krachlederne ist vom Großvater, das Handy von Motorola. "Des ist halt meine Kultur, verstehst?" sagt Mathias Schrön. Schrön ist Bayer, "Urbayer", wie er berichtigt, aus Tegernsee. Seine Frau, die als Trachtenschneiderin arbeitet, hat ihm das schöne Leinenhemd dazu genäht. Der 34-Jährige versichert, dass er auch außerhalb der ITB in diesem Aufzug herumläuft. Zum Beispiel, wenn er als Gästebetreuer der Bundesregierung offiziellen Besuchern aus dem Ausland Bayern erklärt. Das tut er dann auf Englisch, Französisch oder Afrikaans, denn der studierte Betriebswirt hat Talent für Sprachen. Auf der ITB arbeitet er als Standleiter für die Präsentation des Freistaats. Da muss er zusehen, dass immer genügend Kataloge da sind, dass die Musiker pünktlich auftreten und die Brezeln nicht ausgehen. Vor Jahren hat er sich als Berufsbayer selbstständig gemacht und eine Firma gegründet - "SGS - Schrön Global Services", steht auf der Visitenkarte.

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