Berlin : ITB 2001: Sanfter Tourismus ist ein zartes Pflänzchen

cdz

Ein zartes Pflänzchen präsentierte sich gestern auf der Internationalen Tourismus-Börse: Umweltschonender und sozial verträglicher Tourismus - derzeit noch ein Zwerg in der Reisebranche: Der ITB-Ausstellerkatalog verzeichnet 10 000 Aussteller auf 1200 Seiten. Um das "Grüne Band der ITB" zu binden, den Wegweiser zu 80 Anbietern sozial und ökologisch verträglicher Reisen, reichen zwei Heftklammern.

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Dabei ist der Gedanke, bei der Reiseplanung Interessen der Einwohner zu berücksichtigen und Tourismus umweltschonend abzuwickeln, nicht neu: Schon in den 80er Jahren gab es kleine Reiseveranstalter, die jedoch nur wenig Erfolg hatten. Inzwischen haben deutsche Verbraucher gelernt, Müll zu trennen und allzu billiges Rindfleisch im Regal zu lassen. Möglicherweise denken sie bald daran, was sie mit ihrer Reise in einem fernen Urlaubsland bewirken - das war die Hoffnung verschiedener Initiativen und Förderer eines sanften Tourismus, die sich gestern im Palais am Funkturm trafen.

Das Schreckensszenario einer Reiseindustrie, die Sozialstrukturen zerstört, kennt Theodor Rathgeber von der Gesellschaft für bedrohte Völker: Im Westen Kanadas, in British Columbia, hat ein Skigebiet den indianischen Einwohnern die Lebensgrundlage genommen: Skipisten, neue Straßen, der Bau von Hotels und Ferienanlagen machte die Jagd unmöglich, der Stamm der Suswap musste aus den Gebieten weg, wofür er von der Regierung ein Recht auf ungestörte Existenz erhalten hatte.

"Wir wollen soziale Strukturen bewahren", sagt Nicole Haeusler vom Reiseveranstalter TS-REST, der Touren zu den Völkern in den Bergen Thailands anbietet. Die Reisenden werden bei den Dorfbewohnern untergebracht, sollen ihre Kultur kennenlernen. Gegenüber kommerziellen Anbietern, die ähnliche Touren anbieten, sind Haeuslers Reisen um zwanzig bis dreißig Prozent teurer: Die Einwohner erhalten fünfmal mehr für die Unterbringung der Reisenden, die Visite einer Gruppe in den thailändischen Bergen wird von Seminaren begleitet, welche die Bewohner für die interkulturelle Verständigung fitmachen sollen. "Das ist interessant", sagt Haeusler, "viele Reisende fahren in die Berge mit dem Gedanken, rückständige Menschen zu besuchen.

Als die Thais deutsche Touristen nach Pflanzen in den europäischen Wäldern fragten, zuckten diese mit den Schultern." Das sei ihnen peinlich gewesen. Haeusler will mit dem von der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) geförderten Projekt die Bevölkerung darauf vorbereiten, bewusst und unabhängig von Großanbietern Geld zu verdienen - mit dem Tourismus. Jährlich bringt sie rund 200 Reisende in die thailändischen Berge.

Dass Umweltfragen im Tourismus wichtiger würden, betonten auch der Verkehrsclub Deutschland (CD) und das Umweltbundesamt gestern auf der ITB. "Der Ruck-Zuck-Tourismus muss in den Zug gehen", sagte Axel Friedrich vom Umweltbundesamt, als er die Bröschüre "Zügig durch Europa" vorstellte: Mit dem Heftchen soll Werbung gemacht werden für Europareisen per Bahn, Bus und Fähre.

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