Berlin : Ivan Denes (Geb. 1928)

Er saß zwischen allen Stühlen

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Warum er das zweite Mal ins Gefängnis kam? Er hatte eine Geschichte geschrieben über einen alternden Professor, der ins Gefängnis gekommen war. Dort hatte der Professor viel Zeit zum Nachdenken, und aus dem Kleinkrämer der Fakten war ein Geschichtsphilosoph geworden, der glaubte, die Universalformel für die Vergänglichkeit aller politischen Systeme gefunden zu haben: „Die Sklaverei hatte Jahrtausende gewährt, der Feudalismus Jahrhunderte, das Bürgertum Jahrzehnte …“

Die drei Pünktchen zum Schluss waren im kommunistischen Rumänien zu übersetzen mit der Prophezeiung, dass es ein baldiges Ende haben werde mit der Diktatur des Proletariats.

Aufgrund dieser drei Pünktchen wurde Ivan Denes 1959 des Verrats am Vaterland beschuldigt und zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Jahre zuvor war er schon einmal kurz inhaftiert gewesen. Er, der unmittelbar nach Kriegsende so hoffnungsfroh in die kommunistische Partei eingetreten war, und sie nach kaum zwei Jahren so desillusioniert verlassen hatte, war ein stetes Ärgernis für das Regime – insofern war die Justiz froh, mit diesem Text endlich ein Beweisstück seiner „sehr gefährlichen Agitation“ in den Händen zu halten. Ivan Denes wusste um die Gefahr, er hatte die Erzählung außer Landes schmuggeln wollen. Eine Delegation von englischen Abgeordneten weilte seinerzeit in Rumänien, einem von ihnen, Lord St. Oswald, vertraute er den Text an. Der nahm sich der Sache ebenso enthusiastisch wie blauäugig an und schickte ihm wenige Wochen später aus England eine Postkarte: „Beste Chancen, dass ihr Manuskript veröffentlicht wird …“ Ebenso gut hätte er ihm eine Einladung ins Gefängnis schicken können.

Ivan Denes fand sich in bester Gesellschaft wieder, nahezu die gesamte Elite des Landes war in den fünfziger Jahren im Gefängnis versammelt: Wirtschaftsmagnaten der Vorkriegszeit, Hochschulprofessoren, Musiker, Schriftsteller.

Der Knast wurde seine zweite Universität. Er lernte Sprachen, dutzende Weisen des Auflehnens und Sich-Fügens und den Umgang mit der Einsamkeit. All das allerdings bei einer erbärmlichen Kost. Zuweilen gab es wochenlang nur Mohrrüben, so dass die Häftlinge irgendwann glaubten, an Gelbsucht erkrankt zu sein.

Nach sechs Jahren kam er dank einer Amnestie frei. Der französische Präsident de Gaulle hatte die Intensivierung der diplomatischen Beziehungen zu Rumänien von einer Freilassung aller politischen Gefangenen abhängig gemacht.

1966 veröffentlichte Ivan Denes seinen ersten Roman in Rumänien, „Die Tauben“, aber bereits den zweiten Text kassierten wiederum die Zensurbehörden. Es war genug – er ließ sich, zum Kummer seiner Eltern, von Israel freikaufen.

Die jüdische Familie Denes stammte aus Temeswar, Temeschburg. Der Vater war Händler gewesen, wohlhabend, häufig in London, wo er die englische Lebensweise schätzen gelernt hatte. Er legte viel Wert auf die Bildung des Sohnes, spielte allabendlich Schach mit ihm, unterwies ihn politisch, weckte seine Neugier.

Ivan Denes hat diese Neugier nie verloren. Er blieb nur kurz in Israel, kam nach Deutschland, arbeitete als Journalist, als Archivar, gründete ein Nachrichtenbüro – und sah sich doch in erster Linie als Schriftsteller. Ein Schriftsteller ohne Muttersprache: Jude, Ungar, Rumäne, Deutscher, die Vieltönigkeit gab seinen Texten ihren eigentümlichen Reiz und erschwerte zugleich das Verstehen.

Er saß zwischen allen Stühlen. Mehrheitsfähig waren nur wenige seiner Überzeugungen, dazu provozierte er zu gern.

Das Elend der schnellen Etikettierungen verdross ihn – und reizte ihn ebenso. Wer sich der Hierarchisierung der Völkermorde verweigert, gilt schnell als rechtsextrem – es sei denn, er ist Jude. Einem deutschen Juden wiederum wird es gleichermaßen verübelt, israelischer wie auch deutscher Patriot zu sein. Ivan Denes suchte den Meinungsstreit, zuweilen zu vehement, vielleicht aus der Angst heraus, erneut mundtot gemacht zu werden. Er brauchte Gegner, weil er aus dem Widerstand gegen sie die Kraft gewann, unermüdlich literarisch weiterzuarbeiten, auch wenn sein Körper ihn im Stich ließ. Zwei Herzinfarkte hatte er schon überlebt. „Er war ein alt gewordener Mann, er stand unter dem Zeichen einer schrecklichen Enge, einer maßlosen Angst des Herzens. Angor Pectoris.“

Und je älter Ivan Denes wurde, desto lauter erklang in seinen schlaflosen Nächten der Chor der Stimmen, die nie ein Gehör gefunden hatten, die Gefangenen und Bürgerkriegstoten aller Herren Länder.

„Er hatte sich dem Todesgedanken in jahrelanger geistiger Kleinarbeit angenähert, seine Vorbereitungen waren abgeschlossen. Selbst im Augenblick des Infarktes wusste er genau, welche Stunde geschlagen hatte … , vor ihm stand links das Telefon, rechts lag die Pistole. Sollte er die Feuerwehr rufen oder sollte er den Endpunkt setzen … ? Es lag aber auf seinem Schreibtisch ein angefangenes Manuskript, und einer seiner Leitsätze lautet: Was man anfängt, bringt man zu Ende.“ Er hat sein Manuskript zu Ende gebracht. Titel: „Politisch unkorrekt hoch zwei“. Gregor Eisenhauer

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