Berlin : "Ja" wird im Neuen Stadthaus das wichtigste Wort

mas/ac

Der Klassiker unter den Tipps für Heiratslustige stammt von Schiller: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, / Ob sich das Herz zum Herzen findet." Freilich, populärer ist eine andere Version: "Ob sich nicht doch was besseres findet." Jeder Standesbeamte muss "Das Lied von der Glocke" als geschäftsschädigend ansehen, lässt zuviel Vorsicht vor bindendem "Ja" womöglich zurückschrecken.

Ein halbes Jahrhundert spielte dieses Wörtchen im Neuen Stadthaus an der Parochialstraße 1-3 keine Rolle, jedenfalls nicht in der herzbewegenden Verwendung zwischen zwei Menschen, die es miteinander wagen wollen. Bald aber heißt es dort unentwegt Ja, Ja, Ja. Zum erstem Mal seit 51 Jahren wird dort heute im Ratsherrensaal eine Ehe geschlossen, Auftakt zum Dienstbetrieb in Deutschlands drittgrößtem Standesamt. Übertrumpft wird Mitte darin nur von Köln und München. Doch noch bleiben die Beamten fast unter sich: Als Bräutigam tritt Amtsleiter Rainer Ahnert an, die Zeremonie leitet Traute Neugebauer, dienstälteste Standesbeamtin in Berlin. Am 2. Januar darf dann jeder.

Der Aufstieg des Standesamts Mitte ist ein Nebeneffekt der Zusammenlegung mit Tiergarten und Wedding. Die drei alten Dienstgebäude wurden aufgegeben, gemeinsamer Standort ist jetzt das Neue Stadthaus. 17 Standesbeamte warten dort auf Kundschaft, fünf sind auf Eheschließungen spezialisiert. Vier Räume stehen für Trauungen bereit, im Erdgeschoss ein behindertengerechter, im ersten Stock zwei kleinere für intime Feiern und der Ratsherrensaal mit 50 Sitz- und weiteren Stehplätzen.

Rund 1800 Paare waren in den drei Bezirken bislang Jahresdurchschnitt, der Amtsleiter rechnet künftig mit mehr. Manch einer fand die Hochzeit in Wedding nicht romantisch genug und wurde seinem Bezirk bei der Hochzeit untreu, durch die repräsentativen Räume könnte sich das ändern. Auch gibt es verbesserten Service. Den Standesbeamten stehen die Daten der Einwohnerkartei zur Verfügung, Heiratswilligen werden so überflüssige Wege erspart.

Das Standesamt kann man, muss man aber nicht nutzen, wenn man unbedingt in Mitte Ja sagen will. Jede dritte Trauung im Bezirk fand an anderen Orten statt, besonders beliebt waren das Ermelerhaus, das Palais am Festungsgraben, das Rote Rathaus, im Nilpferdhaus im Zoo oder auf dem Spreedampfer. Auch vor Groß-Mitte hat der Trend nicht Halt gemacht, den Verwaltungsakt der Eheschließung zum Event aufzumöbeln. Die Behörden kommen diesem Bedürfnis mit besonderen Orten entgegen. Treptow beispielsweise lockte schon 1997 zu "Hochzeiten unterm Sternenzelt" in die Archenhold-Sternwarte. Die vor wenigen Monaten in Tempelhof-Schöneberg geschaffene Möglichkeit, sich beim Tag der Tage den Sternen anzuvertrauen und im Planetarium Ja zu sagen, war also nicht mal der erste Versuch, Astronomie und Liebe zu kombinieren.

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