Jackass : Trottel altern nicht

Johnny Knoxville war auf MTV „Jackass“, der Held einer Stuntshow mit Masochismusqualitäten Gestern feierte er am Potsdamer Platz die 3-D-Kinoversion seiner aktuellen Leiden.

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Ganz schön irre. Johnny Knoxville bei der Deutschland-Premiere von „Jackass 3D“ am Potsdamer Platz. Foto: Britta Pedersen/dpa
Ganz schön irre. Johnny Knoxville bei der Deutschland-Premiere von „Jackass 3D“ am Potsdamer Platz. Foto: Britta Pedersen/dpaFoto: dpa

Johnny Knoxville fühlt sich nicht gut. „Diese Wurst“, sagt er und Jeff Tremaine, sein Regisseur, nickt nur. „Wir mussten diese unfassbar scharfe Wurst essen. Unsere Eingeweide leiden.“ Mittags gab es Currywurst, auch das gehört ja dazu, wenn man als Star nach Berlin kommt. Und so kämpft Knoxville, der Erfinder einer Show, in der Männer ihr Erbrochenes als Omelett essen, mit Sodbrennen. Das finden die Leute natürlich irgendwie schade jetzt, die ins Sony Center am Potsdamer Platz gekommen sind, um diesen Virtuosen der Selbstverstümmelung einmal live zu sehen. Also „in Action“, wie man hier so sagt, weil das ja eine Filmpremiere ist. Denn Knoxville sollte hier eigentlich einen Stunt zeigen. Und so etwas wollen die Leute sehen. Das erwartet man einfach von diesem hyperaktiven Performancekünstler, der seinen eigenen Wahnsinn wie kaum ein Zweiter als Projektionsfläche für die Gewaltfantasien des Normalverbrauchers zu nutzen versteht. Knoxville aber schüttelt den Kopf. Er hatte auch ein paar „good German beers“. Wieder nickt Tremaine. „Der Stunt ist, dass ich trotzdem noch den Teppich runter laufen kann.“ Er lacht. Es ist dasselbe Lachen, mit dem er im Fernsehen sonst versucht, die Angst zu vertreiben. Seine Gesichtszüge entspannen sich. Er wirkt jetzt sichtlich gelöst. Und auch die Herbstkälte Berlins scheint ihm nur wenig auszumachen. Aber so einer wie Knoxville ist ohnehin weit Schlimmeres gewohnt als einen deutschen Windchill.

Denn langsam könnte sich Johnny Knoxville eigentlich zur Ruhe setzen. Er war lebendige Paintball-Zielscheibe, clownesker Torero, wurde von scharfen Hunden angefallen und vom K1-Koloss Butterbean als Sandsack benutzt. Aber Johnny Knoxville steht immer noch. Und zelebriert vor dem Cinestar seine Rückkehr in die Welt des Schmerzes. Er ist nach Berlin gekommen, um hier gemeinsam mit Jeff Tremaine die Deutschlandpremiere von „Jackass 3D“, seinem neuesten Angriff auf die Spiegelneuronen, aber auch den zehnten Geburtstag der gleichnamigen MTV-Serie zu feiern, die ihn, Knoxville, berühmt gemacht hat.

Seit zehn Jahren dreht Johnny Knoxville seinen Körper durch den Fleischwolf, als Hobby-Stuntman, der auszog, um das Fürchten zu lernen, aber noch immer erst dann mit der Wimper zuckt, wenn ihm ein Vorschlaghammer in den Unterleib kracht.

Gemeinsam mit einem Dutzend Überzeugungsmasochisten, die wenig Hemmungen, viel Langeweile, Skateboards, allerlei Werkzeuge und genug kranke Ideen hatten, um eine Form der Unterhaltung zu kreieren, die an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten war, hatte er damals eine Show ins Fernsehen gebracht, in der erwachsene Männer das Kind in sich von der Leine ließen, das jeden Warnhinweis nur als zusätzliche Motivation sieht. Jackass bedeutet übersetzt Volltrottel. Und die Sendung hielt, was sie versprach. Sie war die Freakshow auf dem Jahrmarkt der popkulturellen Eitelkeiten, mit einem Liliputaner, der sich selbst ins Gesicht treten konnte, und entwickelte ihre Kraft durch die Mischung aus Ekel und Schadenfreude. Dieses Konzept der Show funktioniert nach zehn Jahren immer noch. Auch wenn die Protagonisten sichtlich gealtert sind. Tremaines Haare schimmern in einem beginnenden Grau.

Er gibt den Collegeboy mit Universitätspullunder. Und auch Knoxville hat sich in die Gutbürgerlichkeit gehüllt. Blaues Hemd, mehr Schwiegersohn als Exzentriker. Nur die Tätowierungen an den Händen verraten den Punk. Die Jackass-Darsteller sind durch ihren Hang zur zu abnormen Mutproben reich geworden. Sie müssten sich nicht mehr als Human-Tontauben in die Luft schießen lassen. Sie tun es trotzdem. Weil Adrenalin süchtig macht. Und weil Knoxville und seine Borderline-Entourage einfach „lieben, was wir da machen“, sagt er, lacht wieder, und eine irrsinnige Adoleszenz huscht über sein Gesicht. Knoxville aber passt, nicht nur optisch, immer weniger in die Rolle des Skateboard fahrenden Bürgerschrecks. Im nächsten Jahr wird er 40 Jahre alt.

An ein Ende seiner Karriere als masochistischer Klassenclown denkt er jedoch noch lange nicht. Das wäre in seinem Universum so absurd, wie der Flugbahn einer Bowlingkugel auszuweichen.

Johnny Knoxville würde das nicht tun. Auch, wenn noch immer bei jedem Stunt alles in ihm wegrennen will. Am Ende bleibt er stehen, lacht die Angst weg und steckt den nächsten Tiefschlag ein. Damit andere ihren Spaß haben. „Stehenbleiben und warten, bis mich etwas trifft, das kann ich auch noch in zwanzig Jahren“, sagt er deshalb noch, bevor er dann auch los muss, um sich selbst beim Leiden zuzusehen. Trottel altern eben nicht.

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