Berlin : Jägerin der verborgenen Schädlinge

Schaben im Ministerium? Pilz an der Palme? Fälle für Barbara Jäckel

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Von Frank Thadeusz

Joschka Fischer bereitet ihr Kopfzerbrechen. Und Gerhard Schröder sowieso. Dahinter steckt keine böse Absicht, im Gegenteil: Die beiden sind ziemlich gute Kunden von Barbara Jäckel. Der Außenminister mit seinen Zitrusfrüchten, die dem Foyer seines Ministeriums den exotischen Anstrich geben. Und die elf Wintergärten im Bundeskanzleramt „mit allen Mittelmeerpflanzen, die man sich nur vorstellen kann“, halten Jäckel ganz schön auf Trab.

Im Auftrag des Pflanzenschutzamtes jagt die kleine, drahtige Frau alles, was vier oder mehr Beine hat, fliegt oder krabbelt und mit Saugrüssel oder Sägemaul nur einen Daseinszweck verfolgt: Die Vegetation der Hauptstadt in möglichst kleine, verdaubare Schnipsel zu zerhäckseln. Dabei pflegt die Bereichsleiterin „Biologischer Pflanzenschutz und Innenraumbegrünung“ ein Verhältnis zu ihren Gegnern, das über Symphatie weit hinaus geht: „Ich liebe eigentlich diese Tierchen. Ist doch erstaunlich, dass auch große Wellen chemischer Bekämpfung es nicht geschafft haben, sie auszurotten.“

Ortstermin im Pflanzenschutzamt in Britz. Hier gehört so eine Behörde hin, nämlich ins Grüne, denkt man. Im Labor greift Barbara Jäckel zielsicher nach einem kleinen Plastikbehälter. Lässig fingert sie eine australische Schabe heraus, als wären es getrocknete Zwiebeln für einen Hot Dog. Die Viecher machen derzeit den Botanischen Garten in Steglitz unsicher, wo die Lebensbedingungen fast ebenso ideal sind wie Down-under. Mit der drei Zentimeter langen Periplaneta australiasiae fertig zu werden, ist eine komplizierte Sache. Aber 15 000 Anfragen jährlich von Berlinern zu beantworten, die um ihre Balkonpflanzen bangen, ist auch eine Herausforderung. Ein kostenloser Service des Pflanzenschutzamtes, der sich für die obersten Pflanzenschützer in Britz auf andere Weise bezahlt macht: „Auf diese Weise kriegen wird mit, was in der Stadt an Schädlingen kursiert.“ In ihrem kleinen Büro klingelt fast pausenlos das Telefon.

Einer Anruferin erklärt sie, warum der amerikanische Stachelbeermehltau in diesem Jahr besonders erbarmungslos zugeschlagen hat (der schnelle Wechsel von kalt zu warm). Bei anderer Gelegenheit diagnostiziert sie bei einer Pflanze Schildlausbefall. Für die Beratung hat Barbara Jäckel einen Wälzer vor sich auf den Tisch gelegt, der wie ein Biologiebuch aus den sechziger Jahren aussieht. „Man kann ja nicht alles auswendig wissen“, entschuldigt sich die studierte Gartenbauingeneurin. „Traumjob“ nennt sie die Rotation zwischen Mikroskop und Telefon, „weil man was bewegt“. Man kann das ruhig wörtlich verstehen. Einmal sorgte ein Gutachten aus Jäckels Labor sehr unmittelbar dafür, dass sehr viel Bewegung erhalten blieb. Damals hatten die Pflanzenwächter herausgefunden, dass die vielen tausend Liter Urin, von denen sich die Love-Parade-Besucher alljährlich im Tiergarten erleichtern, bereits nach vier Tagen vollständig ökologisch abgebaut sind. Kein Puller-Alarm also für die Vegetation. Das Gutachten habe manchen Politiker geärgert, der die Love Parade lieber verboten hätte, meint Jäckel mit leichtem Grinsen. Ausdruck für ihren realistischen Blick auf Berlins Grün, denn: „Wir sind nun mal ein urbanes System und kein Urwald.“

Sprechzeiten des Pflanzenschutzamtes: Montag, Dienstag, Freitag neun bis 13 Uhr, mittwochs kein Sprechtag, donnerstags 13 bis 18.30 Uhr (noch bis September), von Oktober bis März 13 bis 16 Uhr. Tel.: 700006-0.

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