Berlin : Jährlich 200 000 Spritzbestecke

BERNHARD KOCH

Erfolgreiche Hepatitis-Kampagne / Zwei der vier Gesundheitsmobile abgebranntVON BERNHARD KOCHBERLIN.Zwei der vier Gesundheitsmobile für Junkies auf der offenen Berliner Drogenszene sind vor zwei Wochen einem Brandanschlag zum Opfer gefallen, doch die Straßenarbeit des Vereins für suchtbegleitende Hilfen "Fixpunkt" geht weiter.Allein das Arztmobil zur medizinischen Erstversorgung an Drogentreffpunkten hat rund 1700 Stammpatienten, die sich etwa wegen akuter Abszesse behandeln lassen.Erfolgreich ist offenbar auch das bundesweit einmalige Hepatitis-Aufklärungs- und Impfprogramm.Mehrere hundert Abhängige sind seit Anfang 1996 über die Virusinfektion beraten worden, rund 180 haben sich freiwillig impfen lassen. Der durch Brandstiftung teilweise zerstörten Wagenpark für die verschiedenen Hilfsangebote auf der Szene soll spätestens im Herbst ersetzt sein.Für einen Großteil des Schadens in Höhe von rund 140 000 Mark, so die Hoffnung von "Fixpunkt"-Projektleiterin Astrid Leicht, werde die Versicherung aufkommen.Zudem ist man auf Spenden angewiesen.Vom Feuer auf einem geschützten Parkplatz in der Kreuzberger Boppstraße verschont blieb der "Hepatitis-Bus" als jüngster Baustein der Straßen-Drogenhilfe.Seit anderthalb Jahren ist der Bus jeweils einmal wöchentlich am Kottbusser Tor in Kreuzberg und am U-Bahnhof Kurfürstenstraße im Einsatz. In einer Zwischenbilanz der vom Bonner Gesundheitsministerium finanzierten "Hepatitis-Kampagne" heißt es, daß über die Hälfte der untersuchten Abhängigen kaum oder ungenügende Kenntnisse über die Hepatitis-Infektion (Leberentzündung, auch Gelbsucht genannt) hatten.75 Prozent der Untersuchten hatten bislang keine Hepatitis durchgemacht und kamen somit für eine Impfung infrage, die einschließlich aller Folgeimpfungen rund sieben Monate Zeit beansprucht. Drogenabhängige gelten als Hochrisikogruppe für Hepatitis.Zu den Infektionsquellen der verschiedenen Virus-Typen zählen neben Mehrfachgebrauch unsauberer Spritzbestecke mangelnde Hygiene sowie verschmutzte Nahrungsmittel oder Trinkwasser.Im Krankenhaus Am Urban wurden 1993 Hepatitis-Infektionsraten unter Drogenkranken zwischen 60 und 90 Prozent festgestellt.Die Quoten übertreffen damit die HIV-Infektionsraten unter Drogenabhängigen erheblich.Nach jüngsten Studien sind 8 bis 15 Prozent der Abhängigen HIV-infiziert, vor zehn Jahren betrugen die Raten noch zwischen 25 und 30 Prozent.Der Rückgang wird als Erfolg von Präventionsarbeit - Einsatz sauberer Spritzen und Beratung zum "schadenbegrenzenden Drogenkonsum" - gewertet.An der HIV-Vorsorge beteiligt sich Fixpunkt seit 1991.Jährlich werden über mittlerweile neun Spritzenautomaten in der Stadt jährlich über 200 000 Spritzbestecke ausgegeben.Das Fixpunkt-"Präventionsmobil" verteilt an Drogentreffpunkten zudem 280 000 Spritzen, 560 000 Kanülen und 64 000 Kondome im Jahr.Der Rücklauf gebrauchter Spritzen und Kanülen habe 1996 bei 96,5 Prozent gelegen. Das Hepatitis-Programm wird von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet, die Arbeit der im Bus tätigen Ärztin Brigitte Haêkenberg ist noch bis Ende des Jahres vom Drogenreferat des Senats finanziell gesichert."Fixpunkt" plädiert dringend für die Fortsetzung der Vorsorge.Ansonsten würde man Junkies, die in der Regel keine normale Arztpraxis aufsuchen, ihrem Schicksal überlassen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar