Berlin : Jagd auf die Vergangenheit

Babelsberg will zu alten Erfolgen zurück, aber nicht um jeden Preis

Ozan Sakar

Nur gut, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen Mathematiker mit dem Fall Babelsberg zu betrauen. Dieser hätte dann anhand von Zahlen und Ergebnissen, von Tabellen und Statistiken womöglich errechnet, dass der Fußballklub aus dem beschaulichen Potsdam im kommenden Mai im Finale der Champions-League gegen Real Madrid antreten würde. Oder zumindest im Jahr darauf. Immerhin, in fünf höhere Ligen ist der Traditionsverein in den zehn vergangenen Jahren aufgestiegen, das macht eine Liga in zwei Jahren. Und da der SV Babelsberg 03 in der Saison 2001/2002 in der zweithöchsten deutschen Spielklasse aktiv war, könnte laut Berechnungen des Naturwissenschaftlers in naher Zukunft ein solchen Superlativ ins Haus stehen.

Aber, wie das so ist mit der Theorie, zuweilen hat sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun. So auch beim SV Babelsberg 03. Dem rasanten Aufstieg der Neuzeit, von der Bezirksliga zu Beginn der Neunziger bis in die Zweite Bundesliga, Anfang des neuen Jahrtausends folgte die Ernüchterung: zweimaliger Abstieg, Insolvenzanträge, Chaos im Vorstand. Von der großen Euphorie der vergangenen Jahre schien zunächst nicht mehr viel übrig. Mittlerweile macht der Klub aus dem berühmten Stadtteil in der Oberliga Nordost/Nord Jagd auf die vergangene Zeit, als man sich noch mit Gegnern wie dem VfL Bochum oder Hannover 96 gemessen hat. Und zur Erleichterung der Verantwortlichen auch mit viel Erfolg. Die Mannschaft ist überlegener Tabellenführer vor ihren Hauptkonkurrenten, den Amateuren der Bundesligaklubs aus Rostock und Berlin. Gegen beide spielten die 03er, wie die Babelsberger in Anspielung auf ihr Gründungsjahr gerufen werden, in dieser Saison bereits im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion; beide wurden mit klaren Siegen wieder nach Hause geschickt.

Ein direkter Wiederaufstieg wäre für viele wichtig, denn der Klub weist eine lange Tradition auf: 1903 gegründet, wurde Ende der Zwanzigerjahre gar der ehemalige Bundestrainer Sepp Herberger für den damals unter dem Namen SV Nowawes 03 geführten Verein engagiert. In den Fünfzigerjahren kicken die Babelsberger in der höchsten Spielklasse der DDR. Unter dem Namen Rotation Babelsberg bringen sie 1950/51 mit Hans Schöne (38 Treffer) den Torschützenkönig hervor. In den Achtzigerjahren spielt man in der zweithöchsten DDR-Liga und übernimmt zu Beginn der Neunziger die Fußballer des SC Potsdam. Aus SG Motor Babelsberg wird der SV Babelsberg 03. Der Rest ist bekannt.

Doch der Klub hat aus den Fehlern gerade der jüngeren Vergangenheit gelernt. Klassische Misswirtschaft führte den Verein beinahe in die Insolvenz, die nur mit einem Spendenaufruf abgewendet werden konnte. Eine Situation, die der im Juni 2003 ins Amt gewählte Vorstandsvorsitzende Rainer Speer nicht noch mal erleben will: „Wir werden sehen, wie wir Weihnachten dastehen, und dann überlegen, ob eine Lizenz für die Regionalliga beantragt wird. Auf alle Fälle gehen wir keine wirtschaftlichen Abenteuer mehr ein.“

Die Mannschaft hat am Wochenende 2:0 gegen den Sievershäger SV gewonne und hat fünf Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten. Manchmal sagen Zahlen doch viel aus.

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