Jahr 2030 : Da liegt Ökotopia

Wir befinden uns im Jahr 2030 und die Europacity nördlich des Hauptbahnhofs ist Realität. Ein Rückblick.

von

Vor vierzig Jahren endete die Stadt hier im Niemandsland des Grenzgebietes zwischen Ost- und Westberlin. Nun, im Januar 2030, arbeiten 10 000 Menschen hier: Die Europacity, ein 70 Hektar großes Gebiet nördlich vom Hauptbahnhof, wurde unter der Führung des Lifestyle-Giganten Bayer Schering zu einem erfolgreichen Pharma-Campus. Die Rechnung des Senats ist aufgegangen: Die Wohnungen mit Blick auf den Spandauer Schifffahrtskanal sind beliebt, weil deren Bewohner von hier zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Boot rasch in Mitte sind. Und in der Stadt ist es „in“, nachts Teil der „Happy-Nings“ in den Galerien des Kunst-Campus zu werden.

Die meisten Wohnungen mieten Chemodesigner, Biomechaniker und Produktmaster von Bayer Schering sowie Unternehmer, deren Start-ups in den Gewerbeblöcken des Quartiers boomen. Der große Erfolg ist dem Lifestyle-Konzern zuzuschreiben, der im Jahr 2020 beschlossen hatte, die Wachstumssparte Medico-Design in Berlin zu gründen. Die heute eingestellte Förderung des „Kompetenzfeldes Pharma“ durch den Senat hatte Wirkung gezeigt. Die neuen Labore in der Heidestraße sind die wichtigsten Auftraggeber der Dienstleister, die dort vor zehn Jahren noch günstige Büros mieten konnten. Viele Firmen gründeten sich aus den Universitäten aus. Sie alle beklagen heute die hohen Lohnkosten, denn es mangelt an Nachwuchs.

Im Jahr 2010, zwanzig Jahre ist das nun her, gab es hier nur eine Brache. Und als die aus der Bahn hervorgegangene Firma Vivico Real Estate das Projekt im Frühjahr 2010 vorstellte, waren Zweifler in der Mehrheit: Wie sollte eine Grundfläche von insgesamt 610 000 Quadratmetern bloß Abnehmer finden? Heute, im Herbst 2030, sehen Pläne die Bebauung des Sportplatzes vor, doch der Widerstand unter den Anwohnern ist groß. Die Anwohner argumentieren, die „Versiegelung“ von Flächen widerspreche dem Geist des Gebietes.

Die Europacity war das erste Aktiv-Haus-Quartier Berlins: Durch den Einsatz intelligenter Bau- und Nanotechnik erzeugen die Häuser 33 Prozent mehr Energie, als sie verbrauchen. Die Recycling-Quote von 95 Prozent war lange die Beste in der Stadt. Die „Nachhaltigkeitswerkstatt“, die 2010 erstmals vorgestellt wurde und in den Folgejahren die „Vermeidung von Energie-Einträgen“ in den Bereichen Abfall, Baustoffe, Energie, Freiraum, Verkehr und Wasser verfeinerte, arbeitete so erfolgreich, dass noch in diesem Jahr ein Freibad im Schifffahrtskanal eröffnet.

Die treibenden Kräfte dieser Entwicklung waren die damalige Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sowie der frühere Bezirksbaustadtrat und heutige Regierender Bürgermeister Ephraim Gothe. Sie bauten frühzeitig Kitas, ein verkehrsfreies Straßennetz, und der Investor bot auf den Brachen Pavillons zur freien Nutzung an, so dass das Quartier schon während der Entwicklungs- und Bauzeit zu einem der beliebtesten Kieze für Mittes jugendliche Endvierziger wurde. In den vergangenen fünf Jahren kam es aber wiederholt zu Protesten wegen der starken „Gentrifizierung“. Sie zeigen, dass auch dieses Quartier kaum noch Platz für die von der öffentlichen Hand gestützten „Notbeschäftigten“ bietet.

Auch die Türme, die wie Eingangstore das Gebiet im Norden und Süden begrenzen, haben die Qualität der Hochhäuser am Alexanderplatz übertroffen. Das erste Passivhochhaus Europas, dessen LED- Fassade durch das Public Viewing zur vergangenen Bundespräsidentenwahl in Betrieb genommen wurde, ist in die Energiebilanz einbezogen. Die Baukosten werden nach Angaben von Bayer Schering innerhalb von zweieinhalb Jahren refinanziert. Ralf Schönball

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben